27. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Nozawa Onsen
オーストリア現代文学ゼミナール

16. bis 18. November 2018
Mit Raoul Schrott
Raoul Schrott
Die Welt in den Kopf kriegen

Raoul Schrott ist ein Autor, der sich aufmacht zu den abgelegenen Orten, Naturräumen und Transitzonen der Erde und das Vertraute zurücklässt. Davon zeugen bereits die Titel seiner Romane, Erzählungen, Reise-Essays und Gedichtbände: Finis Terrae, Tristan da Cunha, Die Wüste Lop Nor, Die fünfte Welt, Hotels, Tropen. Schrott ist ein poetischer Kosmopolit, der im Blick auf den Menschen in der Welt die Poesie als wirkende Kraft der Welterschließung versteht, sei es als deren basale sprachliche Struktur oder als teilnehmende Intervention in die Prozesse der Weltbildung. Nicht zu unrecht hat H. C. Artmann ihn einen zeitgenössischen poeta doctus getauft. Wie kein anderer österreichischer Gegenwartsautor verbindet Schrott dichterische und wissenschaftliche Wahrnehmungsweisen und Wirklichkeitsmodelle. Mit Blick auf die Quantenmechanik und die moderne Hirnforschung gelangt er zu der Einsicht, dass die Wahrheit in der Naturwissenschaft auch nichts anderes sei „als ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen.“ Die universelle Gelenkstelle seiner kognitiven Poetik bildet das tertium comparationis der Metapher, mit der wir uns die Dinge um uns herum im Vexierspiel von uneigentlich gebrauchten Wörtern und eigentlichen Bezeichnungen zu eigen machen. Im Gepäck hat Schrott ein Arsenal ästhetischer, philosophischer und religiöser Kategorien – das Erhabene, den Eros, das Heilige –, die mit einem Augenzwinkern jene Umschlagspunkte markieren, wo das binäre Koordinatensystem der Empirie unscharf wird und die Dichtung als chaotische Kunst des Paradoxalen den direktesten Zugriff auf die Wirklichkeit besitzt. Sich aufmachen heißt bei Schrott auch immer zu den Anfängen und Ursprüngen der Dichtung zurückzugehen, um im Rückgriff auf die Tradition neue sprachliche Möglichkeiten zu gewinnen – frei nach Ezra Pound: Make it new! Die Kunst und Technik dieser Arbeit der transformatio ist die Übersetzung. Und es verwundert nicht, dass seine Anthologie Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren Schrotts literarischen Durchbruch bedeutet. Ohne Scheu übersetzt er auch aus entlegenen Sprachen wie Gälisch, Baskisch oder Okzitanisch, und das so nahe am Original wie möglich und so frei von ihm wie notwendig, immer aber in einer Sprache, die zeitaktuell, hic et nunc sein will, was sicherlich ebenso auf das eigene Schreiben zutrifft. Schrott ist sich zudem wohl bewusst, dass das Entscheidende für die Lebendigkeit der Übersetzung ein wirkungsmächtiger Inszenierungsrahmen in der Zielkultur ist: Die seine Neuübersetzung der Ilias begleitende Herkunftsthese, Homer habe nicht im ionischen Griechenland, sondern in Kilikien gelebt, hat die kontroverseste und fruchtbarste Debatte der jüngeren Antikerezeption losgetreten.

Raoul Schrott wurde 1964 in Landeck geboren, ist in Landeck, Tunis und Zürich aufgewachsen, studierte Literatur und Sprachwissenschaft in Innsbruck, Norwich, Berlin und Paris, wo er als Privatsekretär des Surrealisten Philippe Soupault tätig war, und habilitierte sich am Institut für Komparatistik der Universität Innsbruck mit einer Arbeit zu poetischen Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus. Als Autor streift er virtuos durch alle Gattungen und ist auch mit Hörspielen und Dokumentationen für das Fernsehen hervorgetreten. Sein Werk hat sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik große Beachtung gefunden, vor allem der Roman Tristan da Cunha, ein polyperspektivisches Zeitengemälde, das eine komplexe Variation der exterritorialen Tristan-Liebe entwirft: „Weltliteratur: poetisch und poetologisch“ (Rainer Marx, Welt am Sonntag). Für Furore sorgte zuletzt sein Epos Erste Erde, das den großen Versuch unternimmt, von der Gesamtheit des Wissens über die Welt in poetischen Formen zu erzählen und es dabei zugleich in einzelne Lebensgeschichten zu fassen. Steffen Martus bescheinigt dem Text eine frappierende Aktualität: „Nun, wo wir uns eigentümlich schnell in einem ‚postfaktischen Zeitalter‘ eingerichtet haben, gewinnt das Epos seine alte Funktion zurück: Es wird zum Garanten einer objektiven Wirklichkeit, und zwar gerade durch die subjektive Gestaltungskraft eines modernen Autors, der unbedingt etwas wissen, herausfinden und in Erfahrung bringen will.“ (Die Zeit) Schrott wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Peter-Huchel- und der Joseph-Breitbach-Preis. Er lebt in Österreich.

Call for Papers

Auf dem 27.Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Nozawa Onsen (16.-18. Nov. 2018) diskutieren die Seminarteilnehmer das Werk von Raoul Schrott im Dialog mit dem Autor. Vorschläge für Referate werden ab sofort entgegengenommen. Zusätzlich zu Arbeiten, die sich mit einem Einzelwerk befassen bzw. einen bestimmten Teilaspekt vertiefen, und solchen, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Seminarbuch (Die Kunst an nichts zu glauben) beschäftigen, sind auch Überblicksreferate willkommen, die grundsätzliche Fragestellungen aufwerfen. Vorträge sollten zwischen 20 und 25 Min. dauern, das Abstract maximal 150 Wörter lang sein.

Anmeldung

Anmeldungen ab sofort und bis 31. Juli. Abgabetermin für das Abstract ist der 15. September. Zur Anmeldung.

Stipendium

Das Kulturforum der österreichischen Botschaft finanziert zwei Stipendien für japanische Studierende der Germanistik/Literaturwissenschaft (Ersatz der Unterkunftskosten). Näheres zur Bewerbung für das Stipendium finden Sie auf der Seminar-Homepage (Ende der Bewerbungsfrist: 10 Okt. 2018). Zur Bewerbung für das Stipendium.

Kontakt

Claus Telge (claus.telge (at) let.osaka-u.ac.jp), Bertlinde Vögel (bvoegel (at) lang.osaka-u.ac.jp)

Bibliographie Raoul Schrott (Auswahl)

  • Finis Terrae. Ein Nachlass. Roman. Innsbruck: Haymon, 1995.
  • Hotels – Ein akustisches Triptychon, gemeinsam mit Klaus Buhlert, 1995, Hörspiel.
  • Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Anthologie. Reihe: Die Andere Bibliothek, 154. Frankfurt: Eichborn, 1997.
  • Tropen. Über das Erhabene. Gedichte. München: 1998.
  • Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde. Roman. München: Hanser, 2003.
  • Ilias. Neu übertragen von Raoul Schrott. München: Hanser, 2008.
  • Mit Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren. München: Hanser, 2011.
  • Erste Erde. Epos. München: Hanser, 2016.

Das Seminarbuch
Die Kunst an nichts zu glauben (2015)

Die Kunst an nichts zu glauben ist ein „so merkwürdiges wie brillantes Werk“ (Claudia Mäder, NZZ am Sonntag).
Die Gedichte werden von Sentenzen aus der ersten atheistischen Bibel gerahmt, dem Manual der transitorischen Existenz aus dem 17. Jahrhundert. Dazwischen stehen Portraits einzelner Berufstätiger, vom Busfahrer bis zum Richter. Sie alle stellen ihre Fragen nach der Flüchtigkeit der menschlichen Existenz und finden Schönheit in der Unausweichlichkeit des Scheiterns. Gedichte und Sentenzen erzählen so grundverschiedene und doch gleiche Geschichten: vom Kampf um jeden irdischen Moment. Und wie er manchmal beglücken kann.

「オーストリア現代文学ゼミナール」への参加条件は以下の通りです:

ゼミナール参加費は3万4千円です(学生または非常勤の方で、「日本オーストリア文学会」会員の方は、学会事務局宛にメールで参加の旨をお知らせいただければ、補助を受けることができます。ただし、一人当たりの補助額は申請人数により異なり、上限は1万2千円です)。また、オンラインによる参加申し込みと同時に、郵便局に備え付けの振込用紙により、参加申込金5千円をお振込みいただく必要がありま す。振込みの完了をもって、ゼミナール参加申し込みが確定されたことになります。振込先は以下の通りです:Ousutoria Gendai Bungaku Seminaru 00170-0-49707.

なお、オンラインによる(www.onsem.info)お申し込みの際には、申請書式に*住所 *Eメールアドレス *ご所属のデータをご記入ください。ゼミナール用の書籍や資料を後日送付する際の情報となりますので、正確な記入をお願いします。申し込み締め切りは2018年7月末日です。また、お申し込みいただきながらゼミナールに参加しなかった場合でも、申込金は返金となりません。ご理解のほどよろしくお願い申し上げます。

Die Teilnahmegebühr beträgt 34.000 Yen, die Anmeldegebühr 5.000 Yen. Nach Überweisung der Anmeldegebühr mit Zahlschein der Post sind Sie als Teilnehmer_in vorgemerkt. Postgirokonto: Ousutoria Gendai Bungaku Seminaru 00170-0-49707.

Tragen Sie bitte Ihre genauen Daten (Adresse/Mail/Position) im Online-Anmeldeformular auf www.onsem.info ein, damit wir Ihnen die Seminarmaterialien zuschicken können. Anmeldung bis 31. Juli 2018. Bei Nichtteilnahme kann die Anmeldegebühr leider nicht rückerstattet werden.

Links

Hotels / Finis terrae. Ein Nachlass
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-kap-ohne-hoffnung-11314233.html#void

Lop Nor (Erzählung / Buch / Hörspiel)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/romanatlas/rezension-lop-nor-die-wueste-lebt-113049.html

Tropen
https://www.zeit.de/1998/47/Die_Spiegelung_des_Mondlichts_auf_den_Wellen/komplettansicht?print

Weissbuch
https://www.zeit.de/2004/51_lit/L-SchrottTAB/komplettansicht
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-shak-i-nabat-von-raoul-schrott-15607644.html

Tristan Da Cunha:
https://www.zeit.de/2003/38/L-Schrott/komplettansicht
https://www.cicero.de/kultur/allein-auf-der-insel-der-insel/46951

Anthologien, Essays, Poetik-Vorlesungen, Da Da:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-wo-jeder-tag-an-licht-gewinnt-11316002.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0
http://www.fr.de/kultur/literatur/in-der-ferne-bei-uns-a-1198753

Gehirn und Gedicht:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/raoul-schrott-arthur-jacobs-gehirn-und-gedicht-der-reim-kann-bleim-1612997.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

Zu den Übersetzungen:
https://www.zeit.de/2008/17/L-Schrott/komplettansicht?print (Homer und sein Nachdichter)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/uebersetzungsfehler-der-ilias-homers-goettin-singt-nicht-13872818.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0 (Schrott)
https://www.nzz.ch/er_streichelte_ueber_ihr_haar_und_meinte___-1.1095103 (Ilias)
https://www.zeit.de/2001/45/200145_l-schrott.xml (Gilgamesh)

Erste Erde:
https://www.zeit.de/2017/06/erste-erde-epos-raoul-schrott?print

Interview:
http://www.fr.de/kultur/literatur/raoul-schrott-es-entsteht-ein-gefuehl-von-sinn-a-1359697,PRINT?_FRAME=33

Essay zur Flüchtlingsfrage von Schrott:
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article148249297/Warum-wir-Europaeer-alle-von-Migranten-abstammen.html

Medien:

Erste Erde
https://www.ardmediathek.de/tv/Druckfrisch/Raoul-Schrott-Erste-Erde/Das-Erste/Video?bcastId=339944&documentId=39050356

Dadaismus: Vom Sinn des Unsinns (Sternstunde Philosophie, 7.2.2016)
https://www.youtube.com/watch?v=Bu6oRnAZoes

Raoul Schrott über seine Neufassung der Ilias von Homer
https://www.youtube.com/watch?v=mH0K5ioG0Go

Arthur Jacobs und Raoul Schrott über „Gehirn und Gedicht“
https://www.youtube.com/watch?v=Jh9RY-N-E3A

Raoul Schrott
Foto: ©Peter-Andreas Hassiepen
Freitag, 16. November 2018
18:30Abendessen
20:00Begrüßung und Einführung
20:15Erste Lesung Die Kunst an nichts zu glaubenRaoul Schrott
20:45Die Beziehung zwischen den Dingen und dem Ich: Raoul Schrotts Gedichte mit Heidegger gelesenNoriaki Watanabe (Tokio)
Samstag, 17. November 2018
09:30Die Welt als Vexierbild: Raoul Schrotts Erstling Finis TerraeMiyuki Soejima (Otaru)
10:15Liebe und Utopie in Gottfrieds von Straßburg Tristan und Raoul Schrotts Tristan da CunhaJutta Eming, Christin Keil (Berlin)
11:00Pause
11:15Eine Insel mit zwei Bergen: Schrotts Tristan da Cunha und Lotis TahitiMichael Wetzel (Bonn)
12:00Mittagspause
15:00Das Schweigen des Erzählens: Raoul Schrotts Erzählung Das schweigende KindKikuko Kashiwagi (Osaka)
15:45Zweite Lesung Erste ErdeRaoul Schrott
16:15Pause
16:30Erd-Literatur: Zur Aktualisierung epischer Erzählformen in Raoul Schrotts Erste ErdeOliver Völker (Frankfurt)
17:15Vom Übersetzen: Werkstattgespräch mitRaoul Schrott
18:30Abendessen
20:00Das Versepos: Eine zeitgenössische Form? Lesung (Verbannt!) und Diskussion mitAnn Cotten
Sonntag, 18. November 2018
09:30Poesie und Wissenschaft in Raoul Schrotts WerkChristian Zemsauer (Tokio)
10:15Verschreibungen – Die verflixten NarrativeHerrad Heselhaus (Tokio)
11:00Pause
11:15Das Seminar im Kontext: „Faszination Japan“. Eine Untersuchung der Faszination durch Fremdheit am Beispiel von Darstellungen Japans in der österreichischen LiteraturLina Bittner (Wien)
12:00Abschlussdiskussion