26. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Nozawa Onsen
オーストリア現代文学ゼミナール

10. bis 12. November 2017
Mit Reinhard Kaiser-Mühlecker
Reinhard Kaiser-Mühlecker – Ländliche Liminalität

Die ländlichen Außenseiterfiguren der Romane und Erzählungen von Reinhard Kaiser-Mühlecker befinden sich auf einer Schwelle zwischen dem was war, und dem, was sein wird, sind gefangen in einem nicht enden wollenden Abschied. Anders als in den entgrenzenden Selbstformations- und Selbstkultivierungsarealen urbaner Räume, vollzieht sich das Einschreiben des Neuen in der ländlichen und vorstädtischen Realsphäre durch ein resignatives und schuldbehaftetes Überdauern des Einzelnen im Immergleichen. Kaiser-Mühlecker, Jahrgang 1982, aufgewachsen am elterlichen Bauernhof im oberösterreichischen Eberstalzell, konstatiert, dass jenes von ihm beschriebene „Jetzt“, das es eben auch gibt, ein anderes sei als das von Rainald Goetz. Zur Sichtbarmachung der Lebenswirklichkeit dieses „Jetzt“ setzt Kaiser-Mühlecker der hypermodernen Beschleunigung von Bild, Schrift und Musik ganz bewusst eine Prosa der Entschleunigung entgegen, die intensiven Sinneserfahrungen, vor allem mittels verdichtender Naturbetrachtungen, wieder existenzielles Gewicht verleiht, indem sie augenblickshafte Körperlichkeit ins Zeitlose dehnt. Diese radikale Akzentuierung des Sehens, die ihr Herkommen vom literarischen und ästhetischen Realismus nicht verhehlt, verfolgt dabei jedoch keineswegs eine Rückkehr in eine vermeintliche Natürlichkeit. Sondern konstituiert die Wirklichkeit, die sie abzubilden scheint, mit. Besonders deutlich zeigt sich dies in distanziert anteilnehmenden Darstellungen von Sprachlosigkeit familiärer und sozialer Beziehungen, die zur Entbergung ihrer latenten Strömungen genau das Gegenteil erfordert: Sprache. Eine solche Erzählstimme an der Peripherie des Weltgeschehens kennt sich zwar selbst auch nicht mehr. Aber sie begibt sich auf die ernsthafte Suche nach einer leiblich-ästhetischen Restidentität im Kontext
post-postmoderner Subjektkonzeptionen, ganz ohne ironischen Selbstschutz und konservative Reflexe.

Reinhard Kaiser-Mühlecker hat in Wien Landwirtschaft, Geschichte und internationale Beziehungen studiert, in Bolivien absolvierte er den Zivildienst. 2008 erscheint der novellenartige Erstling Der lange Gang über die Stationen, der das Entgleiten einer bäuerlichen Ehe im schleichenden Nicht-Mehr der Tradition und einem zukunftsungewissen Noch-Nicht der Modernisierung in den 1950er Jahren schildert. Das Buch, „das als Debüt des Jahres 2008 genauso aus der Zeit gefallen scheint wie seine Hauptfigur“ (Richard Kämmerlings, FAZ), bildet einen Kontrapunkt zu den literarischen Lebenswelten seiner Schriftstellergeneration. Zugleich begibt sich der Autor damit in ein wechselseitiges Spannungsverhältnis zum Provinz-und Regionalroman eines Stifters oder Nabls, aber auch zur Anti-Heimatliteratur eines Arnold Stadlers oder Josef Winklers. Sein zweiter Roman Magdalenaberg (2009) entfaltet wieder eine „Schwellengeschichte“ (Anja Hirsch, FAZ) von Kindheit und Herkunft, Erinnerung und Verlust. In Wiedersehen in Fiumicino (2011) wird in vier Perspektiven das Porträt eines jungen Mannes gezeichnet, der nach Argentinien geht, wo er Studien zur industriellen Landwirtschaft und den Mechanismen der globalen Nahrungsmittelindustrie betreibt. Darin bezeugt sich eine ökologische und zivilisationskritische Haltung in Kaiser- Mühleckers Werk. Im Mittelpunkt steht allerdings nach wie vor „die schmerzhaft empfundene Isolierung des prekären Individuums.“ (Friedmar Apel, FAZ). Die Romane Roter Flieder (2012) und Schwarzer Flieder (2014) handeln von der Last der Schuld der Bauernfamilie Goldberger, die in den blutigen Verstrickungen des NS-Ortsgruppenführers Goldberger ihren Ursprung hat, und einen zerstörerischen Schicksalsreigen über mehrere Generationen in Gang setzt. Die Atmosphäre der beiden Generationenromane wird von hypnotischen, bisweilen archaischen Tonfallvariationen getragen, die den Resonanzraum für die immer wieder ausschweifenden Landschaftsschilderungen des oberösterreichischen Traunviertels bilden. Im diesjährigen Seminarbuch, dem Erzählband Zeichnungen (2015), verweben sich noch einmal Figuren, Stimmungen und Landschaften der früheren Bücher, setzen dadurch aber umso mehr jene „gravitätische Wucht“ der „niemals deutenden oder wertenden“ (Günther A. Hofler, Text + Kritik) Erzählweise des Autors frei. Für sein Werk wurde Reinhard Kaiser-Mühlecker mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung, dem Kunstpreis Berlin, dem Österreichischen Staatspreis und dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Zuletzt erschien der Roman Fremde Seele, dunkler Wald (2016), der für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Die schwierige Beziehung der Brüder Jakob und Alexander, die beide passiv erdulden, wie der Vater den Hof ruiniert, wird hier besonders eindrücklich geschildert. Die Kunstsprache des Romans ist das „Produkt einer […] Zeitlücke, in die all diese [sprachlosen] Menschen gefallen sind: Der äußere Wandel vollzieht sich mit größerer Geschwindigkeit als die innere Bereitschaft dafür.“ (Christoph Schröder, Die Zeit).

Das 26. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Nozawa Onsen beginnt am Freitag, den 10. November. Bis Sonntag, den 12. November diskutieren die Seminarteilnehmer das Werk von Reinhard Kaiser-Mühlecker im Dialog mit dem Autor. Vorschläge für Referate werden ab sofort entgegengenommen. Zusätzlich zu Arbeiten, die sich mit einem Einzelwerk befassen bzw. einen bestimmten Teilaspekt vertiefen, und solchen, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Seminarbuch (Zeichnungen. Drei Erzählungen) beschäftigen, sind auch Überblicksreferate willkommen, die grundsätzliche Fragestellungen aufwerfen. Vorträge sollten zwischen 20 und 25 Min. dauern, das Abstract maximal 150 Wörter lang sein.

Anmeldungen ab sofort und bis 31. Juli. Abgabetermin für das Abstract ist der 15. September. Details zum Programm u. v. m. auf der Seminar-Homepage. Das Kulturforum der österreichischen Botschaft finanziert zwei Stipendien für Studierende (Ersatz der Unterkunftskosten).

Kontakt: Claus Telge (claus.telge (at) let.osaka-u.ac.jp), Walter Vogl (w1tori5 (at) gmail.com), Sugi Shindo (sugishindo (at) gmail.com)

Bibliographie Reinhard Kaiser-Mühlecker (Auswahl)

  • Der lange Gang über die Stationen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2008.
  • Magdalenaberg. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2011.
  • Roter Flieder. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2012.
  • Schwarzer Flieder. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2014.
  • Zeichnungen. Drei Erzählungen. Frankfurt a. M: S. Fischer, 2015.
  • Fremde Seele, dunkler Wald. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 2016.

Das Seminarbuch: Zeichnungen. Drei Erzählungen

Zeichnungen […] ist wie ein granitener Felsblock in der literarischen Landschaft. Ein Einschlag, der aus anderen Zeiten zu kommen scheint. Es geht um Schuld und Schicksal. Und die zaudernden Menschen, die mit beidem zurande kommen müssen, werden vor diesem grausamen Universum ganz klein.“
(Paul Jandl, Die Welt)

Anmeldung zum Seminar

Reinhard Kaiser-Mühlecker
Foto: ©Jürgen Bauer