29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Lydia Mischkulnig – In den beweglichen Räumen der Sprache
Der Zeitgeist, die Virtualität und das Rauschen des globalen Untergrunds.

Mit Lydia Mischkulnig kommt die wahrscheinlich interessanteste und mit dem sprachlich avanciertesten Arsenal arbeitende Autorin ihrer Generation nach Japan, deren Texte den Zeitgeist nicht scheuen. Diese entfalten ihren spezifischen Charakter in der Auseinandersetzung mit den großen Fragen unserer Zeit, in ironisch gebrochenen Formen der Virtualität und begleitet vom Raunen des globalen Untergrunds.

Lydia Mischkulnig ist eine Spezialistin für Alltagsgeschichten, die unweigerlich kippen und den Blick auf Schlangengruben freigeben, die in einer täglichen Kraftanstrengung von unserer Gesellschaft wegrationalisiert werden. Geschult im Sprachspiel-Konzept Ludwig Wittgensteins, in der Tradition so unterschiedlicher Autorinnen wie Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann, Marlene Streeruwitz und Elfriede Jelinek stehend, schreibt Lydia Mischkulnig im vollen Bewusstsein darüber, dass auch die scheinbar herrschaftsfreie Zone des Sprachexperiments ein ideologieanfälliger Ort ist. Eine ihrer Geschichten handelt davon, dass Macht und Gewalt gerade auf dem Spielplatz, wo man sie am allerwenigsten vermutet, in die Kinderpsyche eingebrannt werden. Voll Sarkasmus und scheinbarem sprachlichem Wildwuchs sind Mischkulnigs Geschichten, die auf dem fruchtbaren Boden der Morbidität und Abgründigkeit Wiens, Kärntens, aber auch Japans gedeihen, und deren Autorin in klinisch sauberen Schnitten mit den Lebenslügen und allem sentimental verbrämten Kitsch rund um Themen wie Mutterschaft, Erziehen, Liebe und Tod aufräumt. Lydia Mischkulnig operiert mit flottierenden Identitäten, bricht Identifikationen auf, wirft sich die Narrenkappe über und picknickt mit ihren Kopfgeburten auf dem Friedhof der Männerphantasien. Sie spielt mit erotischen Projektionen, die sie nach aleatorischen Prinzipien mit Körpern ausstattet und aufmarschieren lässt auf den Brettern ihres Theaters. Letzteres ist gleichzeitig große Welt und Puppenstube, radikal artifiziell, wie es nur die wirklich wirkliche Wirklichkeit sein kann.

Der Titel des Seminars ist eine Formulierung des Grazer Germanisten Gerhard Melzer. Sie soll anzeigen, dass die „Wahrheiten“, um die es Mischkulnig geht, sich nur zu einem Teil in nüchternen Befunden festschreiben lassen. Der Rest „nistet als subversive Erkenntnisenergie in den beweglichen Räumen der Sprache“.

Lydia Mischkulnig studierte ab 1981 die Fächer Bühnenbild und Film an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Ab 1985 an der Filmakademie Wien. Seit 1991 ist sie literarisch tätig und verfasst Romane, Erzählungen und Hörspiele. Sie lebt und arbeitet in Kärnten, Wien und Nagoya. Lehrbeauftragte für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst/Wien.

Homepage von Lydia Mischkulnig: http://lydiamischkulnig.net/

Lesung Mischkulnigs aus der „Böhmischen Bibel“ (gemeinsam mit Sabine Scholl) Video

Lydia Mischkulnig

Foto: Bernhard Aichner

Pressestimmen

Mischkulnig deutet in ihren Erzählungen an, wie Aufklärung im 21. Jahrhundert gehen könnte: notwendig dezent, ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger, letztlich aber doch mit der Absicht, durch Sehen, Denken und Schreiben zu bessern – sich selbst „und damit alles“ (so der programmatische Schluss der Erzählung „Begegnung im Gebiet“)..

Leopold Federmair über den Erzählungsband „Macht euch keine Sorgen. Neun Heimsuchungen“ im Falter 11/2009
In ,Umarmung’ ist die Realität, identitätsbedingt, selbst toll geworden und nur mehr in Splittern und Trümmern greifbar. Allerdings ist Tollheit wahrheitsfördernd, und das Buch ist eines der gründlichsten neuer österreichischer Literatur.

Helmut Gollner in „Literatur und Kritik” über den Roman „UMARMUNG“, DVA, 2002

Werke

  • Halbes Leben Roman, Droschl Graz 1994
  • Hollywood im Winter Roman, Haymon Innsbruck 1996
  • Sieben Versuchungen Erzählungen, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1998
  • Umarmung Roman, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 2002
  • mit Sabine Scholl Böhmische Bibel – Unheilige Schrift für Puppen in 5 Bänden 1. Buch FIONA, 2. Buch LIBUSE, 3. Buch HERMINATOR, 4. Buch SALAM., Wieser Verlag Celovec/Klagenfurt 2008/2009
  • Macht euch keine Sorgen, Neun Heimsuchungen, Haymon Innsbruck 2009
  • Schwestern der Angst. Roman. Haymon, Innsbruck-Wien 2010

Preise und Auszeichnungen

  • 1993 Literaturförderpreis der Zeitschrift manuskripte
  • 1996 Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
  • 1996 Großes Österreichisches Staatsstipendium für Literatur
  • 1997 Literaturförderpreis des Landes Kärnten
  • 2002 Manuskripte-Preis
  • 2007 Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien
  • 2009 Österreichischer Förderpreis für Literatur
Lydia Mischkulnig

Foto: Bernhard Aichner
Lydia Mischkulnig
Foto: Bernhard Aichner
Freitag, 12. November 2010
18:00Abendessen
20:00Kadaver, Kapriolen, Kippfiguren: Einführungsvortrag Walter Vogl
21:00Lesung Lydia Mischkulnig
Samstag, 13. November 2010
09:30Vortrag: Schönes Kinderland? – Zum Begriff Heimat in Lydia Mischkulnigs Begegnung im Gebiet Kyoko Tokunaga
10:30Identitätssuche im Roman Umarmung Masahiko Tsuchiya
11:30 Lesung Lydia Mischkulnig
12:15 Mittagsessen
15:00Bildliche Rede in Macht euch keine Sorgen und Schwestern der Angst Erich Meuthen
16:00Lesung Lydia Mischkulnig – Anschließend: Werkstattgespräch mit der Autorin
18:00Abendessen
20:00Sprich, damit ich existiere: Eine Identitätssuche körperloser Stimmen – Wakiko Kobayashi spricht über Erich, der Erich (ORF 1997); danach Aufführung des Hörspiels
Sonntag, 14. November 2010
09:30Schwestern der Angst Yuko Tokita
10:30Entwurf und Verwerfung. Ekliges bei Mischkulnig Leopold Federmair
11:30Lesung Lydia Mischkulnig
12:00Schlussworte, Ende des Seminars