29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Zur Ich-Problematik in Mischkulnigs Roman Schwestern der Angst

Lydia Mischkulnig stellt in ihrem Ich-Roman Schwestern der Angst (2010) eine verzerrte Schwesternbeziehung dar. Die Erzählerin gibt sich den Erinnerungen aus ihrer Kindheit hin und schreibt die Geschichte ihrer jüngeren Schwester Marie. Wer ihrer Erzählung folgt, dem wird nach und nach klar, dass die Erzählerin etwas verrückt ist. Tatsächlich wird sich die Erzählerin selbst mitten im Roman während einer Serie psychologischer Tests ihrer Störung bewusst. Gleich nach dieser Szene ruft Marie die Erzählerin beim Namen, und es wird zum ersten Mal bekannt, dass sie Renate heißt, also einen Namen trägt, der etymologisch ,Wieder-Geborene‘ bedeutet. Anhand der geheimen Bedeutung ihres Namens möchte ich im vorliegenden Referat die Handlung des Romans als Renates Suche nach der Heimat, der Familie und dem Ich interpretieren. Dabei ziehe ich die Trilogie von Kenji Nakagami, nämlich Das Kap (1976), Die See der toten Bäume (1977) und Am Ende der Erde, am Ende der Zeit (1983), zum Vergleich heran. Der Protagonist Akiyuki in Nakagamis Romanen entwickelt sein Ich, damit er einen Inzest begeht, seinen Bruder tötet und den Selbstmord seines Vaters beobachtet. Die beiden Protagonisten haben in komplizierten Familienverhältnissen gelebt und erregen Unruhe. Es ist bemerkenswert, dass beide Verbrecher irgendwie von Heiligkeit umgeben werden. Während der Schauplatz, nämlich die Provinz Kumano, in der literarischen Welt Nakagamis von großer Wichtigkeit ist, spielt in Mischkulnigs Roman die Erzählkunst eine große Rolle. Im Vergleich mit der japanischen Literatur vor dreißig Jahren versuche ich, Schwestern der Angst als neueste Form des Familienromans zu bezeichnen.

Lydia Mischkulnig
Foto: Bernhard Aichner
Freitag, 12. November 2010
18:00Abendessen
20:00Kadaver, Kapriolen, Kippfiguren: Einführungsvortrag Walter Vogl
21:00Lesung Lydia Mischkulnig
Samstag, 13. November 2010
09:30Vortrag: Schönes Kinderland? – Zum Begriff Heimat in Lydia Mischkulnigs Begegnung im Gebiet Kyoko Tokunaga
10:30Identitätssuche im Roman Umarmung Masahiko Tsuchiya
11:30 Lesung Lydia Mischkulnig
12:15 Mittagsessen
15:00Bildliche Rede in Macht euch keine Sorgen und Schwestern der Angst Erich Meuthen
16:00Lesung Lydia Mischkulnig – Anschließend: Werkstattgespräch mit der Autorin
18:00Abendessen
20:00Sprich, damit ich existiere: Eine Identitätssuche körperloser Stimmen – Wakiko Kobayashi spricht über Erich, der Erich (ORF 1997); danach Aufführung des Hörspiels
Sonntag, 14. November 2010
09:30Schwestern der Angst Yuko Tokita
10:30Entwurf und Verwerfung. Ekliges bei Mischkulnig Leopold Federmair
11:30Lesung Lydia Mischkulnig
12:00Schlussworte, Ende des Seminars