29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Erwin Einzinger – Die unfreiwillige Komik der Welt
Literarisches slow food, das sich dennoch auf der Höhe der Medientechnik befindet … Bei Einzinger ahnt man, daß die medialen Netzwerke die Struktur unseres Wissens und unserer Lust (am Text, an der Musik, an der Welt) womöglich weniger vorprägen als vielmehr ab- und ausbilden. „So viel Leben, so viel Ineinandergreifendes auf engstem Raum!“

Moritz Bassler in: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Erwin Einzinger wurde 1953 in der oberösterreichischen Provinz geboren und lebt auch heute dort. Seine Gedichte und Prosastücke, die er mitunter zu größeren Formen zusammenfaßt, sind Bestandsaufnahmen, Sammelsurien von Dingen und Szenen, Schnappschüssen und Porträts, aber auch von Wörtern und Wendungen, die der Autor als ausdauernd begeisterter Sammler im Alltag findet. Einzinger knüpft an die Wirklichkeit an und spinnt sie weiter, wie er sprachliche Ready-Mades aufnimmt und auffrisiert im Rahmen einer Poetik, deren eigenwillige Identität er im Lauf von mehr als drei Jahrzehnten herausgebildet hat. Einzinger ist ein sehr österreichischer, ja: provinzieller Dichter, dessen Texte sich immer wieder auf andere Welten öffnen, auf andere Provinzen, Sprachen, Autoren. Neben seiner eigenen Produktion zeichnet Einzinger für Übersetzungen vor allem aus dem Amerikanischen verantwortlich (Robert Creeley, John Ashbery, William Carpenter). Wenn es in seinem Sammeln & Schaffen ein Ordnungsprinzip gibt, dann das der Transversalität, der schrägen Verbindungen. Als er 1977 seinen ersten Gedichtband Lammzungen in Cellophan verpackt veröffentlichte, war Rolf Dieter Brinkmann noch nicht lange tot und Jürgen Becker ein viel gelesener Dichter. Seitdem hat Einzinger das Sensorium poetischer Sachlichkeit im Popzeitalter konsequent verfeinert, um sein eigenwilliges Museum aufzubauen und mit zahllosen Miniaturen zu bestücken, die dem Betrachter oft ein Lächeln, zuweilen auch Gelächter entlocken: Lächeln des Wiedererkennens, Lachen des Befremdens. Die Komik steckt überall, auch dort, wo wir sie nicht vermuten, zuletzt – in uns selbst. Was dann fallweise Anlaß zu Melancholie oder Zuversicht gibt.

Hier drei (ein wenig an Haiku erinnernde) Miniaturen aus dem langen Gedicht Zur Stunde, da die Arbeiterinnen aus der Keksfabrik auf ihre Mofas steigen:

Der Glaube an die Macht des menschlichen Blicks ist
Weit verbreitet. Mit Eifer vergraben die Kinder alte Kalenderblätter.
Ja, knapp hinter der Hollywood-Schaukel beginnt die Steppe!
„Lustig in die Welt hinein…“
Japanerinnen in schwarzen Keilhosen kamen vorbei.
Minutenlang kochte das Getreide.
„Ah, die fleißige Leserin von nebenan ist auch schon aus den Federn?“
Der junge Priester füllt den Totoschein aus, lächelt & erhebt sich.
Am Fensterbrett Blumen, die nach Wasser lechzen.

Auszeichnungen

  • Rauriser Literaturpreis
  • manuskripte-Preis
  • H.C. Artmann-Preis

Werke (Auswahl)

  • Lammzungen in Cellophan verpackt (Gedichte, 1977)
  • Das Erschrecken über die Stille, in der die Wirklichkeit weitermachte (Prosa, 1983)
  • Kopfschmuck für Mansfield (Roman, 1985)
  • Tiere, Wolken, Rache (Gedichte, 1986)
  • Kleiner Wink in die Richtung, in die jetzt auch das Messer zeigt (Gedichte, 1994)
  • Das wilde Brot (Roman, 1995)
  • Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik (Roman, 2005)
  • Hunde am Fenster (Gedichte, 2008)
  • Die virtuelle Forelle (Gedichte, 2011)
Erwin Einzinger
Foto: Hermann Heerengruber
Freitag, 18. November 2011
18:00Abendessen
20:00Einführungsvortrag Sebastian Fasthuber
21:00Lesung Erwin Einzinger
Samstag, 19. November 2011
09:30Die Weltsicht der Hunde am Fenster Motoko Yajin
10:15Austriazismen, Regionalismen, Neologismen. Der kreative Umgang mit der Sprache Leopold Federmair
11:00Lesung: Gedichte Erwin Einzinger
11:30Skurrilität in Einzingers Das wilde Brot Ryo Yamao
12:15Mittagessen
15:00Fragestunde. Erwin Einzinger gibt Auskunft über sich und sein Werk
18:00Abendessen
20:00Über Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik Walter Vogl
21:00Der Autor als Disc-Jockey. Erwin Einzinger spielt und kommentiert Unterhaltungsmusik
Sonntag, 20. November 2011
09:30Komische Aspekte in Einzingers neuem Gedichtband Die virtuelle Forelle Theresa Specht
10:30Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach: Vorstellung und Diskussion Erwin Einzinger
11:30Schlusslesung Erwin Einzinger
12:15Seminarende