29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Innere Stadt – Wimmers Wien und die kulturelle Geografie der Stadtmitte

Wenn es sich so verhält, dass die öffentlichen Plätze und Straßen einer Stadt die Bühne ihrer Einwohner sind, dann ist das Stadtzentrum, in Wien also die Innere Stadt, zweifelsohne die Bühnenmitte. Der Mittelpunkt der Bühne ist in der Dramatik wiederum kein beliebiger Ort, sondern lädt die ebendort inszenierte Handlung mit besonderer Bedeutung auf: Hier geschieht der Königsmord, die Verführung, der Verrat, die tragische Peripetie. Wohl gerade deshalb löst sich im postdramatischen Theater das zentrierte Bühnenraster zusehends auf, die Mitte erscheint mitunter nachgerade als unbespielbar. Parallel dazu verschwindet in der postmodernen Stadt das Stadtzentrum, die Geschäftsleute flüchten in die Einkaufszentren an der Peripherie, die Bewohner in die Vorstädte und Grünbezirke, schlechterdings nach Suburbia. Doch gilt dies auch für Wien? Einerseits hat sich der Erste Wiener Gemeindebezirk nach 1945 dramatisch gewandelt, wurde zum Opfer der Kommerzialisierung in Form von Souvenirläden, Penthouse-Lofts, Szenebars und anderer Geschmacklosigkeiten. Andererseits ließen sich die charakteristischen Figuren, die Flaneure, die Kaffeesieder, die Literaten, die Obdachlosen, die Huren und Detektive, nie wirklich vertreiben, haben ihr Territorium in unermüdlicher Weise immer wieder zurückerobert, spucken nimmermüde der habsburgerseligen und mozartsüßen Touristikindustrie in die Suppe. Den vorstädtischen Lugner-Cities und Cineplexx-Anlagen zum Trotz, scheinen immer noch alle in die Innere Stadt zu drängen, versammeln sich vor der Kulisse ihrer barocken Pracht, so auch in Herbert J. Wimmers Roman Innere Stadt:

hans moser verlässst schloss schönbrunn und tritt hinaus auf
den praterstern, wo ihn marilyn monroe umhalst. aus der
gentzgasse kommt yves montand gelaufen, er verfolgt den
paul hörbiger, von dem er glaubt, dass er seine tochter an-
nie rosar geschwängert hat. die pestsäule, vor der sich die
szene abspielt, bekommt haarrisse, die sich im filmmaterial
fortsetzen. marcello mastroianni erklettert die barocke form. (83)

Die Pestsäule, neben dem Stephansdom die zweite hochaufragende, vormoderne Einkerbung in der Mitte der Stadtmitte, zieht sie nach wie vor alle an, die Künstler und Entertainer, die aufgehenden und verhinderten Stars der Stadt und darüber hinaus. Von dieser Spannung lebt letztlich auch der hier zu besprechende Text Wimmers. Er nennt sich Roman und widersetzt sich all seinen Konventionen, verweigert sich der tradierten Romanstruktur und gibt sich der Serialität der Bilder hin, schildert die Stadt, wie sie der Flaneur sieht: unzusammenhängend, szenisch, arbiträr. Er anerkennt das Zentrum, verleugnet jedoch nicht die unübersehbaren „haarrisse“ (83), die es durchziehen, wie ein „Riß in unserem Kopf“ (Nachwort, 117).
Das vorliegende Referat soll nun die kulturelle Geografie der Stadtmitte aus der Sicht Wimmers darstellen, sowie ihre Räume und Figurationen beleuchten. Die Brüchigkeit und gleichzeitige Widerständigkeit des Wiener Stadtzentrums exemplifiziert Wimmer in seinen zahlreichen, lose aneinandergereihten Sprachexperimenten und Erzählmosaiken. Es geht dabei nicht zuletzt um die Dinge und ihre (An)Ordnung und nicht vorwiegend um psychologische Prozesse, wie die Kritik mitunter vorschnell feststellt. Der Romanschluss „ich sagte es, scheiß auf überich“ (115) erscheint programmatisch: beobachten statt zu interpretieren, beschreiben statt zu erklären, den Fluss der Dinge akzeptieren, anstatt sie in eine (Roman-)Struktur zu pressen — das ist die hier vorgestellte Methode des Herbert J. Wimmer, mit der er die Innere Stadt umkreist und in all ihrer Widersprüchlichkeit darstellt.

Herbert J. Wimmer: Innere Stadt. Roman. Wien (Sonderzahl) 1991.