29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Sabine Gruber – Gläserne Klarheit, poetische Verdichtung

Die in Südtirol geborene und in Wien lebende Sabine Gruber zählt zu den bedeutendsten Autorinnen ihrer Generation, der Generation nach Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz. Sprachlich strebt diese sehr präzise arbeitende, detailbewusste Autorin ein Maximum an Klarheit bei gleichzeitig höchster poetischer Verdichtung an. „Gruber arbeitet gerne mit der Technik des Verschiebens und Überlagerns von Erzählebenen. Sie konstruiert raffinierte Perspektivwechsel und unterminiert mit kunstvollen Arrangements und verwinkelten Erzählverläufen den vordergründigen Realismus ihrer Geschichten.” (Alfred Koch)
Sabine Gruber schreibt vorwiegend Romane, sie ist aber auch auf dem Gebiet der Lyrik, des Dramas, des Hörspiels und der Reiseliteratur aktiv. Bevorzugte Schauplätze sind Wien, Venedig, Rom und Südtirol.
In ihrem bis dato von der Kritik am meisten gelobten Roman „Über Nacht“ (2007) beschäftigt sich Gruber mit medizinisch-ethischen Themen wie der Organtransplantation. Eine der Kernfragen: Ist man mit einer gespendeten Niere plötzlich eine andere Person? Der Roman „Die Zumutung” aus dem Jahr 2003 erzählt die Vorgeschichte zur Transplantation; die Autorin beschreibt den chronischen Prozeß einer Krankheit, die zum endgültigen Organversagen führt und am Ende eine künstliche Nierenwäsche (Dialyse) erfordert, die im Glücksfall von einer Transplantation beendet werden kann.
Durch ihre Beschäftigung mit dem Werk der 1997 verstorbenen Südtiroler Autorin Anita Pichler steht Sabine Gruber zumindest mit einem Bein fest in ihrer Heimat, deren Enge zu entfliehen gar keine so einfache Sache ist: Zeugnis davon legt ihr 1996 erschienener erster Roman „Aushäusige“ ab, in dem die Dialektik von Weglaufen und Eingeholtwerden vor dem Hintergrund der zweistimmig inszenierten und alles Geschehen überlagernden Erfahrung von Fremdheit thematisiert wird.
In ihrem letzten Roman, „Stillbach oder die Sehnsucht” (2011), konstruiert die Autorin ein breit angelegtes Panorama jüngerer österreichischer und italienischer Geschichte, die auf meisterhafte Weise mit der persönlichen Geschichte der Handelnden verwoben wird. Stillbach ist der fiktive Name eines Ortes in Südtirol. „Das Stillbacherische sei nicht so leicht einzuordnen, hatte Ines in einem Brief geschrieben. Das Stillbacherische sei zwischen den Stühlen zu Hause, da sitze man ohnehin besser und bequemer. Die österreichische Monarchie, der Faschismus mit seinem deutschen Sprachverbot und schließlich die Schulbücher und Touristen aus der Bundesrepublik hätten ihre Spuren hinterlassen.“ Sabine Gruber zeichnet diese vielgestaltige Geschichte auf unnachahmliche Weise nach.

Hier geht’s zur Anmeldung für das Seminar mit Sabine Gruber.

Kurzbiographie

Geboren 1963 in Meran (Italien), aufgewachsen in Lana. 1982 Matura am Humanistischen Gymnasium in Meran. Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. 1988-1992 Lektorin für Deutsch an der Universität Cà Foscari in Venedig. Lebt in Wien.

Seit 1984 Veröffentlichung von Romanen, Gedichten, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Rundfunksendungen und Hörspiele im ORF und in der RAI. Verfasserin von Essays, Rezensionen, Glossen und Kommentaren. Herausgeberin von Anthologien und von Büchern zum Werk der Südtiroler Autorin Anita Pichler. Zusammen mit Renate Mumelter Nachlaßverwalterin des Werks von Anita Pichler (1948-1997).

Preise, Auszeichnungen

  • 1984 Preisträgerin beim RAI-Kurzgeschichenwettbewerb Bozen
  • 1990 Förderpreis der Marktgemeinde Lana
  • 1994 Stadtschreiberin von Klagenfurt, 2001 von Innsbruck
  • 1996 Förderpreis der Stadt Wien in der Sparte Literatur
  • 1997 Stipendium auf Schloß Solitude/Stuttgart
  • 1998 Reinhard Priessnitz-Preis
  • 2000 Förderungspreis zum Österreichischen Staatspreis für Literatur
  • 2002 Heinrich Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg
  • 2004-2005 Elias Canetti-Stipendium der Stadt Wien
  • 2007 Walther von der Vogelweide-Förderpreis
  • 2007 Anton Wildgans-Preis
  • 2008 Buch.Preis Linz
  • 2009-2011 Robert Musil-Stipendium

Literarische Buchpublikationen

  • Aushäusige Roman Wieser-Verlag Klagenfurt: September 1996 (vergriffen)
  • Aushäusige Roman dtv München: 1999 (vergriffen)
  • Fang oder Schweigen Gedichte. Wieser-Verlag Klagenfurt: 2002
  • Die Zumutung Roman C.H.Beck München: 2003
  • Die Zumutung Roman dtv München: 2007
  • Über Nacht Roman C.H.Beck München: 2007
  • Über Nacht Roman dtv München: 2009
  • Aushäusige Roman Haymon Taschenbuch Innsbruck 2011
  • Stillbach oder Die Sehnsucht Roman C.H.Beck München: Juli 2011
  • Ein unerhörter Wunsch. 22 Kurztexte mit Offsetfarblithographien von Anna Stangl Horn: Edition Thurnhof 2013
  • Zu Ende gebaut ist nie. Gedichte Innsbruck: Haymon Verlag 2014

Hörspiele und Stücke

  • Der Vogelfänger Hörspiel Erstsendung: ORF (Ö2) November 1993
  • Bis daß ein Tod Monolog Hörspiel Erstsendung: ORF (Ö2) 1. Juni 1997
  • Bis daß ein Tod Uraufführung des Monologs am 9.5.1997 im Theater in der Altsstadt in Meran
  • Presto Prestissimo Ein Täuschungsmanöver Hörspiel Erstsendung: ORF (Ö2) November 1997

Pressestimmen

DER SPIEGEL über Sabine Grubers Roman-Debut „Aushäusige“

Das Geheimnis des Buches wie seiner Figuren ist die Sprache. Rita hat sich in die Redegewandtheit Ennios verliebt und gehofft, mit dem Venezianer „jemanden gefunden zu haben, der mit ihr sprechen würde, so daß es keine Rolle mehr spielte, wo sie gerade wohnte. Als wäre das Angesprochenwerden schon Heimat.“ Ihr Bruder versucht Südtirol, dem Land der „Stottersprache“, zu entkommen, indem er Journalist wird. Doch die, deren Muttersprache das Schweigen ist, lernen nicht, ihr Leben schönzureden. Die Sprachlosigkeit schleppen sie mit sich herum wie ihre Heimatlosigkeit: „Am Ende ist jedes Wort falsch, wird auf seine Wörtlichkeit reduziert und läßt keinen Ausweg offen.“ Wer weggeht, muß wissen, was er mitnimmt.

Michael Kohtes über den Roman „Die Zumutung“, in: Die Zeit

Dass die Liebes- und die Leidensgeschichte der Dramaturgie einer Katastrophe folgen, ahnt der Leser. Lange lässt ihn die Autorin im Unklaren darüber, um welche Krankheit es sich handelt. Darin jedoch liegt die Raffinesse: die Dinge in der Schwebe zu halten, um alle Aufmerksamkeit auf die „Zumutung“ zu lenken, die es bedeutet, wenn man über seinen Tod Bescheid weiß. Entsprechend interessiert uns die Diagnose („Schrumpfnieren“) am Ende nur noch beiläufig.
Längst fesselt uns die Folge des Befunds, die „Erfahrung des Aus-der-Welt-Gehens“, die für Marianne eine Erfahrung der radikal veränderten Wahrnehmung ist. Was immer ihr in den Blick gerät, sie sieht es mit den Augen einer Todgeweihten. Paradoxerweise bezieht das Buch eben daraus eine sanfte Komik: Mit dem geschärften Blick für die Hinfälligkeit des Lebens durchschaut sie die Unsterblichkeitsambitionen ihrer Künstlerfreunde oder die Sehnsüchte ihrer von Kerl zu Kerl wandernden Herzensfreundin Erna als das, was sie sind: lächerlich.

Andreas Kilb über den Roman „Über Nacht“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dass Sabine Gruber eine außergewöhnlich formbewußte Erzählerin ist, hat sie schon mit ihrem vorigen Roman „Die Zumutung“ bewiesen. Wenn man will, kann man „Über Nacht“ als Fortsetzung und Variation der Krankengeschichte lesen, die darin begonnen wurde. (…) Das schöne an diesem Buch besteht darin, dass es um seine Kunstfertigkeit kein Geschrei macht. Das Netz der Erzählung webt sich wie von selbst.

Karl-Markus Gauss über den Roman „Stillbach“, in: Neue Zürcher Zeitung

Grosse Politik und persönliche Befreiung, nationales Ressentiment und Liebe, Erinnerung und Vergessen – Sabine Gruber hat einen souverän komponierten Roman geschrieben, in dem sie den Lügen der Propaganda hier wie dort nicht nur die penibel recherchierten Fakten, sondern auch die Wahrheit der Fiktion entgegensetzt.

Zum Download des Informationsblatts für das 23. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur.

Besuchen Sie auch die Homepage von Sabine Gruber.

1.400 Schreibmaschinen, darunter auch das Modell „Oliver“, auf der Kafka getippt hat oder die „Enigma“, die legendäre Chiffriermaschine der dt. Wehrmacht…
(In: „111 Orte in Südtirol, die man gesehen haben muss”, von Sabine Gruber und Peter Eickhoff, Emons-Verlag Köln 2014)

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Sabine Gruber
Freitag, 14. November 2014
18:00Abendessen
19:30Gläserne Klarheit, poetische Verdichtung: Einführung ins Werk von Sabine GruberWalter Vogl
20:15Erste LesungSabine Gruber
Samstag, 15. November 2014
09:30Südtirol-Bilder in der Literatur aus Südtirol – ein Vergleich von Joseph Zoderer und Sabine GruberAtsushi Imai
10:00Überall fremd – Sabine Grubers Roman „Aushäusige“Leo Schlöndorff
10:30Zweite LesungSabine Gruber
11:00Wassermassen, die dem Tod zuströmen – Über den Roman „Die Zumutung”Natsuno Tokunaga
11:30„Die Sprache schneit, unablässig schweigt sie Neues hervor, wirbelt an den Rändern“ – Über die Lyrik Sabine GrubersKyoko Tokunaga
12:15Mittagessen
15:00Den Toten das Leben zurückgeben – Letzte Dinge in Sabine Grubers Roman „Über Nacht”Shihoko Ora
15:30Organtransplantation, Hirntod und Anthropotechnik – Anmerkungen zur Debattte in JapanWolfgang Herbert
16:30Werkstattgespräch mit Sabine Gruber, Masahiko Tsuchiya und Shinichi Suzuki
17:30Lesung Sabine Gruber
18:30Abendessen
19:30Präsentation von „111 Orte in Südtirol, die man gesehen haben muss”Sabine Gruber
21:00Hörspielabend: “Bis dass ein Tod” - ein Hörspiel von Sabine Gruber (mit Einleitung)
Sonntag, 16. November 2014
09:30„Stillbach” oder die Orientierung im VerschwindenSugi Shindo
10:00Poetische Verarbeitung der Südtiroler Diskrepanz zwischen Sehnsucht und unsteter Zugehörigkeit – Sabine Grubers Roman „Stillbach oder Die Sehnsucht”Masanori Manabe
10:30Erinnerung in Sabine Grubers „Stillbach oder Die Sehnsucht”Erich Meuthen
11:00Podiumsdiskussion
11:30Lesung Sabine Gruber
12:00Schlussworte