29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Christoph Ransmayr – Apokalyptiker der weiten Räume

Unterwegs nach Babylon – das wäre eine Möglichkeit, die Bewegungen des viel gefeierten Autors Christoph Ransmayr, der im Herbst 2015 kurzzeitig seine Zelte beim Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Nozawa Onsen aufschlagen wird, als „Nomadologie” (Deleuze) zu beschreiben. Christoph Ransmayr ist in den Worten des Extrembergsteigers Reinhold Messner gleichzeitig „Grenzgänger und Dichter“ und zählt zu jenen singulären Erscheinungen des Literaturbetriebs, die des Nachts in weltfernen Winkeln vor den Blaulicht-Lagerfeuern ihrer Bildschirme sitzen und Sprachbilder schaffen, die sich auftürmen „wie kosmische Katastrophen“ (Der Spiegel).
Den internationalen Durchbruch schaffte Ransmayr mit seinem zweiten Roman Die letzte Welt (1988), in dem er sich an einer postmodernen Transformation von Ovids Metamorphosen versucht, die angesiedelt ist in einer Landschaft zwischen den Zeiten. Schon Ransmayrs erster, der literarischen Reportage nahe stehender Roman, Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984), war viel beachtet worden. Darin geht es unter anderem um angewandte Kältemetaphorik am Beispiel des Schicksals einer österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition. Von Beginn an beeindruckte Ransmayr mit einer Sprache, die kaum einen Vergleich zulässt, weil sie von einer messerscharfen Präzision und einer unnachahmlichen Tiefenschärfe ist. An seinen Romanen arbeitet der Autor jeweils mehrere Jahre, in denen er sich auch für längere Perioden fast vollständig aus dem Literaturbetrieb zurückzieht. Sieben Jahre nach Die letzte Welt erschien Morbus Kitahara (1995), eine düstere Alternativgeschichte über ein deindustrialisiertes Nachkriegsland, die nicht zufällig in einer Ortschaft namens Moor im Hochgebirge angesiedelt ist. Fast zehn Jahre später folgte die von Ransmayrs Freundschaft mit dem eingangs erwähnten Reinhold Messner geprägte Brudergeschichte einer Reise ins tibetische Gebirge: Der fliegende Berg (2006) ist ein Werk, dessen Flattersatz beeinflusst ist von den großen Versepen des indischen Subkontinents.
In der Weißen Reihe, einer Buchreihe von mittlerweile zehn relativ schmalen, eleganten Bänden, veröffentlicht Ransmayr sein übriges Schaffen: kurze Prosastücke, Reden, Essays, Bildergeschichten – „Spielformen des Erzählens“. Hierin finden sich auch fein komponierte Texte zu gesellschaftlichen und biographischen Thematiken, sowie zu Politik und Poetik. Und – last but not least – Ransmayrs Theaterstücke.
Das zuletzt erschienene Opus magnum Atlas eines ängstlichen Mannes (2012), das diesjährige Seminarbuch, enthält 70 sprachlich auf höchstem Niveau durchkomponierte Reiseerzählungen aus verschiedenen Weltgegenden, die der Autor besucht und deren Bewohner er (soweit sie im Buch vorkommen) persönlich kennen gelernt hat. Auch darin findet sich das von Ransmayr gekonnt kultivierte Spiel mit Fakt und Fiktion, grundiert von einem temporeichen Wechsel von Angst und Unsicherheit auf der einen sowie Mut und Beharrlichkeit auf der anderen Seite. Gleichsam als Vorarbeit zu Atlas eines ängstlichen Mannes war bereits 1997 unter dem Titel Der Weg nach Surabaya eine Sammlung von „Reportagen und kleine(r) Prosa” erschienen, die nicht nur „Abenteuerfahrten in die Tiefe der Einbildungskraft” (Sigrid Löffler) sind, sondern auch ins Herz der Finsternis führen und an den Nullpunkt der vermessbaren Welt.✭

Kurzbiographie

Christoph Ransmayr, geboren 1954, wuchs in Roitham in Oberösterreich auf. Nach der Matura am Gymnasium des Benediktiner-Ordens in Lambach studierte er in Wien Philosophie und Ethnologie. Zwischen 1978 und 1982 schrieb er Reportagen und Essays für verschiedene Magazine. Seit 1982 ist er als freier Schriftsteller tätig. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Asien, Nord- und Südamerika. Viele Jahre wohnte er in West Cork in Irland. Seit seiner Heirat 2006 lebt er wieder in Wien und auf einer Alm im Salzkammergut.

Preise (Auswahl)

  • Anton-Wildgans-Preis (1989)
  • Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1992)
  • Prix Aristeion der Europäischen Union (1996)
  • Solothurner Literaturpreis (1997)
  • Premio Letterario Internazionale Mondello (1997)
  • Friedrich-Hölderlin-Preis (1998)
  • Bertolt-Brecht-Preis (2004)
  • Österreichischer Würdigungspreis für Literatur (2004)
  • Heinrich-Böll-Preis (2007)
  • Ernst-Toller-Preis (2013)
  • Fontane-Preis für Literatur (2014)

Werk

Romane

  • Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Wien: Brandstätter 1984
  • Die letzte Welt. Nördlingen: Greno 1988
  • Morbus Kitahara. Frankfurt am Main: Fischer 1995
  • Der fliegende Berg. Frankfurt am Main: Fischer 2006

Erzählbände

  • Der Weg nach Surabaya. Frankfurt am Main: Fischer 1997
  • Atlas eines ängstlichen Mannes. Frankfurt am Main: Fischer 2012

„Weiße Reihe“

Frankfurt am Main: Fischer 1997-2014

  • Die dritte Luft Oder eine Bühne am Meer. 1997
  • Strahlender Untergang. Ein Entwässerungsprojekt oder Die Entdeckung des Wesentlichen. 2000
  • Die Unsichtbare. Tirade an drei Stränden. 2001
  • Der Ungeborene oder Die Himmelsareale des Anselm Kiefer. 2001
  • Die Verbeugung des Riesen. Vom Erzählen. 2003
  • Geständnisse eines Touristen. Ein Verhör. 2004
  • Damen & Herren unter Wasser. 2007
  • Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr. 2010
  • Der Wolfsjäger. Drei polnische Duette. 2011
  • Gerede. Elf Ansprachen. 2014

Homepage von Christoph Ransmayr

www.ransmayr.eu

Aus Rezensionen zum Seminarbuch Atlas eines ängstlichen Mannes:

Dieser Erzähler ist weder Genauigkeitsfanatiker noch Pedant, bloß der absolute Feind des Ungefähren. Weil er überzeugt ist, ja weiß: Für jedes Ding existiert das treffende, das einzig passende Wort, das dann und nur dann die Zauberwirkung hat, in unserem Kopf, in Herz und Hirn, ein scharfes, einprägsames Bild zu erzeugen. Und dieses mit Ransmayrs Hilfe vor dem inneren Auge zu haben, wird zum Glück des Lesers. (Ulrich Weinzierl in Die Welt, 29.10.2012)
Zum Beginn jeder Episode gehört ein wiederkehrendes Muster. Auch das Finale folgt einer sich wiederholenden Idee: Es klingt aus in einer liedhaften Weite und verleiht den Geschichten noch im letzten Moment ein Schweben, eine wunderbare Losgelöstheit.“ (Gisela von Wysocki in Die Zeit, 31.10.2012)

 
 

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CALL FOR PAPERS

Vorschläge für Referate beim 24. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur werden ab sofort entgegengenommen. Zusätzlich zu Arbeiten, die sich mit einem Einzelwerk befassen bzw. einen bestimmten Teilaspekt vertiefen und solchen, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Seminarbuch („Atlas eines ängstlichen Mannes”) beschäftigen, sind auch Überblicksreferate willkommen, die grundsätzliche Fragestellungen aufwerfen. Zur Orientierung empfehlen wir einen Blick auf das vorläufige Programm. Vorträge sollten zwischen 20 und 25 min. dauern, das Abstract maximal 100 Wörter lang sein. Anmeldungen ab sofort und bis 15. Juli. Abgabetermin für das Abstract ist der 15. September.
Kontakt: 大羅志保子: shiora0@gmail.com, Walter Vogl: waltervo@z3.keio.jp