29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Der Erzähler als Ornithologe. Lesenotizen zum Birdwatching in „Atlas eines ängstlichen Mannes”
Claus Telge

Nicht zuletzt seine Übersetzer weisen darauf hin, dass Christoph Ransmayrs Anschauung der Natur durch eine gesteigerte Wahrnehmung der geologischen Faktizität der Steine und der Ephemeralität der Luft bestimmt wird. Statische und bewegliche Stoffe verbinden sich zu einem untrennbaren Ganzen, das sowohl den Ort der Natur als auch die Beständigkeit und die Flüchtigkeit des Schreibens selbst in den Blick nimmt. Was die Erkundung des Luftraums im Besonderen angeht, so erweisen sich Ransmayrs Protagonisten häufig als passionierte Birdwatcher, vor allem im „Atlas eines ängstlichen Mannes”. Mein Vortrag ist ein Versuch, die Vögel und deren Beobachtung als strukturbildende Elemente einzelner Episoden des Buches zu deuten. Dabei geht es weniger um den Vogel als literarisches Motiv als vielmehr um dessen Bedeutung als Ausdruck eines offenen, fließenden Erzählens, das in seiner flughaften Schaulust – jede Episode beginnt mit den Worten „Ich sah“ – eine einschneidende Fremdheitserfahrung beschwört.