29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
„Fragmente des Mythos und der Aufklärung“ ー „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ als Nekrolog auf die Gescheiterten
Shihoko Ora

Christoph Ransmayrs erster Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ (1984) besteht aus einer Vorrede sowie den 18 darauf folgenden durchnummerierten Kapiteln. In der Vorrede erklärt Ransmayr, der selbst auch Abenteurer ist, sein Bedürfnis, dieses Buch zu schreiben: Was ist aus den Abenteuern, die uns Leser früher einmal zu entlegensten Zielen hin geführt haben, geworden? Die Abenteurer haben sich mit den bestandenen Abenteuern nicht begnügt, sie mussten ihre Geschichten der Öffentlichkeit vorlegen, so dass insgeheim die Illusion entstanden ist, dass selbst das Entlegenste und Entfernteste zugänglich sei wie ein Vergnügungspark und die Welt kleiner geworden sei.
Die Illusion, die sich im Verlauf von Jahrtausenden zu einem Mythos verhärtet hat, sollte in diesem ersten Buch Ransmayrs durch zahlreiche Fehlschläge, und Todesopfer zerschlagen werden („Aber wer würde zu behaupten wagen, dass alle Qualen und Leidenswege der Passagensucher sinnlos gewesen seien? (…) Immerhin hatten sie (…) so doch der Wissenschaft gedient, der Zerstörung der Mythen vom offenen Polarmeer, der Mythen von Paradiesen im Eis. Und die Mythen zerstört man nicht ohne Opfer.“ S.94) Die Geschichten der Abenteurer mussten durch ihre Tode beziehungsweise ihr Verschwinden gegenüber dem Wunsch der Vollendung der harten Reise und des Erreichens des Paradieses Fragment bleiben. Ransmayr versucht, diese Geschichte des Scheiterns der Helden und ihrer namenlosen Begleiter als Fragment zu rekonstruieren.
In meinem Referat wird dieser Vorgang der Dekonstruktion vorhandener Mythen untersucht sowie ein neuer Anlauf zu einer literarischen Rekonstruktion der fragmentarisch gebliebenen Schriften der Abenteurer unternommen.