29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Erd-Literatur: Zur Aktualisierung epischer Erzählformen in Raoul Schrotts Erste Erde
Oliver Völker (Frankfurt)

Der Vortrag untersucht das Wiederauftreten epischer Erzählformen in Raoul Schrotts Erste Erde: Epos. In einer textnahen Analyse, die eine besondere Aufmerksamkeit für narrative Form, sprachliche Ästhetik und Schriftbild entwickelt, hebt der Vortrag zwei Eigenschaften hervor, die ich als Bestandteile einer Poetik der Erd-Literatur bezeichnen möchte. Erstens findet die plurale Eigenzeitlichkeit der Natur eine strukturelle Entsprechung in der heterogenen narrativen Struktur von Schrotts Text. Die Erde, ihre gedehnte Entstehungsgeschichte als ein komplexes und dynamisches Zusammenspiel von unterschiedlichen Prozessen und ökologischen Subsystemen, wird literarisch lesbar gemacht. Heterogene Erzählstränge, mythische, naturwissenschaftliche und religiöse Modelle stehen als unterschiedliche Formen der Weltaneignung nebeneinander und werden miteinander verschaltet.Zweitens zeigen sich in der damit einhergehenden Auflösung einer linearen zeitlichen Abfolge Strukturelemente, die an die klassischen Diskussionen zur Gattungsbestimmungen des Epos erinnern. In Abgrenzung zum Drama besitzt das Epos kein unmittelbares narratives telos. Durch seine materielle Fülle ist es nicht auf die narrative Lösung eines bestimmten Problems ausgelegt, sondern setzt sich aus unterschiedlichen und gleichberechtigten Erzählelementen zusammen. In dieser Hinsicht gewinnt das Epos eine zeitliche Struktur, die sich in Beziehung zur gedehnten und nicht-linearen Zeitlichkeit erdgeschichtlicher Prozesse stellen lässt. Das Epos, so die Konklusion des Vortrags, gewinnt in dieser formalen Gestalt eine unvorhergesehene Aktualität als eine Erd-Literatur.

Raoul Schrott
Foto: ©Peter-Andreas Hassiepen
Freitag, 16. November 2018
18:30Abendessen
20:00Begrüßung und Einführung
20:15Erste Lesung Die Kunst an nichts zu glaubenRaoul Schrott
20:45Die Beziehung zwischen den Dingen und dem Ich: Raoul Schrotts Gedichte mit Heidegger gelesenNoriaki Watanabe (Tokio)
Samstag, 17. November 2018
09:30Die Welt als Vexierbild: Raoul Schrotts Erstling Finis TerraeMiyuki Soejima (Otaru)
10:15Liebe und Utopie in Gottfrieds von Straßburg Tristan und Raoul Schrotts Tristan da CunhaJutta Eming, Christin Keil (Berlin)
11:00Pause
11:15Eine Insel mit zwei Bergen: Schrotts Tristan da Cunha und Lotis TahitiMichael Wetzel (Bonn)
12:00Mittagspause
15:00Das Schweigen des Erzählens: Raoul Schrotts Erzählung Das schweigende KindKikuko Kashiwagi (Osaka)
15:45Zweite Lesung Erste ErdeRaoul Schrott
16:15Pause
16:30Erd-Literatur: Zur Aktualisierung epischer Erzählformen in Raoul Schrotts Erste ErdeOliver Völker (Frankfurt)
17:15Vom Übersetzen: Werkstattgespräch mitRaoul Schrott
18:30Abendessen
20:00Das Versepos: Eine zeitgenössische Form? Lesung (Verbannt!) und Diskussion mitAnn Cotten
Sonntag, 18. November 2018
09:30Poesie und Wissenschaft in Raoul Schrotts WerkChristian Zemsauer (Tokio)
10:15Verschreibungen – Die verflixten NarrativeHerrad Heselhaus (Tokio)
11:00Pause
11:15Das Seminar im Kontext: „Faszination Japan“. Eine Untersuchung der Faszination durch Fremdheit am Beispiel von Darstellungen Japans in der österreichischen LiteraturLina Bittner (Wien)
12:00Abschlussdiskussion