29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
„Aber was, wenn wir nicht mehr sein werden?“
Das Erinnern an die Shoah und die Rolle der Literatur
Theresa Specht

Einleitung

Doron Rabinovici ist ein Autor der Gegenwart, der nicht nur literarische Texte schreibt wie die Kurzgeschichtensammlung Papirnik (1994) oder die Romane Suche nach M. (1999), Ohnehin (2004) und Andernorts (2010), sondern auch zahlreiche nicht-fiktionale Texte. Darin nimmt er beispielsweise Stellung zu gegenwärtigen politischen Entwicklungen in Österreich und zu Fragen nach der jüdischen Identität, gibt Auskunft zu poetologischen Überlegungen, etwa zu seiner Schreibintention oder zur Rolle der Literatur. In diesem Beitrag möchte ich eines von Rabinovicis zentralen Themen diskutieren: das Erinnern an den Massenmord an den Juden zur Zeit des Nationalsozialismus. Dazu werde ich häufig aus seinen Schriften zitieren, sowohl aus den fiktionalen – und hier v.a. aus dem jüngsten Roman Andernorts – als auch aus seinen nicht-fiktionalen Texten – hier v.a. aus dem Vortrag Wie es war und wie es gewesen sein wird. Eine Fortschreibung von Geschichte und Literatur nach der Shoah. Doron Rabinovici ist der Sohn von jüdischen Eltern, die die Schrecken des Völkermords erlitten haben. Seine Mutter stammt aus Wilna, der Hauptstadt Litauens, überlebte Getto, Konzentrationslager und den Todesmarsch (vgl. Wie es war, S. 8) und kam in den 1950er Jahren nach Israel. Sein Vater floh 1944 von Rumänien nach Palästina. Doron Rabinovici wurde 1961 in Tel Aviv geboren und lebt seit seinem dritten Lebensjahr in Wien. Parallelen zur Hauptfigur Ethan Rosen im Roman Andernorts sind auffällig – darauf werde ich später noch zurückkommen.

Beim Erinnern geht es Rabinovici nicht um die Darstellung dessen, was damals geschah, oder um die Aufarbeitung der Geschichte, sondern um das Gedenken aus heutiger Perspektive: „Nie in meinem Leben verfaßte ich eine einzige Erzählung, die in einem Lager oder einem Getto angesiedelt ist, und selbst wenn […] würde ich nicht die Vergangenheit aufarbeiten, weil sie sich ja nicht mehr aufarbeiten läßt. Es geht allemal bloß um die Gegenwart.“ (Wie es war, S. 14) Somit ist die Frage, die ihm zuweilen bei Lesungen aus dem Publikum gestellt wird, warum er als Nachgeborener „Geschichten schreibe, die in der Vergangenheit angesiedelt sind“ (ebd., S. 13f.), falsch gestellt, denn sie übersieht schlichtweg die Tatsache, dass Rabinovicis Texte im Heute spielen. Es geht um die Gegenwart, deren Erbe der Massenmord an den Juden ist. Sein Thema ist somit nicht die Historie, sondern der aktuelle Umgang mit ihr, denn: „Was erörtert, aufgedeckt und verhandelt, was verdrängt, verleugnet und ausgeblendet wird, bestimmen allein die aktuellen Machtverhältnisse, nie die früheren.“ (Ebd., S. 14)

Im Folgenden werde ich drei Aspekte thematisieren: erstens die Frage nach dem Erinnern an Auschwitz heute, also zu einer Zeit, in der „die Überlebenden allmählich wegsterben“ (Wie es war, S. 10); zweitens die Rolle der Literatur für die Erinnerung. Drittens möchte ich aufzeigen, inwiefern Rabinovici in Andernorts mit Humor gegen die Eindeutigkeit schreibt.

1. Erinnern an Auschwitz heute

Rabinovici erörtert in seinen Texten nicht, wie sich der Massenmord ereignete, sondern wie wir uns heute daran erinnern.

Ich schreibe vom Umgang mit der Vertreibung, der Verfolgung und der Vernichtung. Ich spreche hier vom Umgang mit diesen Fragen, und meine nicht bloß die historische Auseinandersetzung mit der Shoah, sondern ebenso die aktuelle, die politische Handhabung von Flucht und Genozid in der Gegenwart. (Wie es war, S. 14)

Das Erinnern steht auch in Andernorts zentral. Hier befindet sich der Protagonist Ethan zu Beginn der Handlung auf dem Rückflug nach Wien von Tel Aviv kommend, wohin er zum Begräbnis eines Freundes gereist war. Der Verstorbene, Dov Zedek, ist wie die Eltern des Protagonisten ein Überlebender des Nationalsozialismus, und er ist nicht nur ein enger Freund der Familie, sondern – wie sich am Ende des Buches herausstellt – auch Ethans leiblicher Vater. Der Roman spielt in der Gegenwart. Er ist chronologisch verfasst, dennoch hören wir die Stimme des Verstorbenen durch Tonbandaufnahmen, die dieser gemacht hat, um sie nach seinem Tod Ethan zukommen zu lassen. Indem der Protagonist die Bänder abspielt, erfahren wir die Gedanken des Überlebenden auch nach seinem Tod.

Das Thema des Erinnerns ist im Roman hauptsächlich mit der Figur Dov Zedeks verknüpft und wird dort in mehreren Facetten vorgestellt. Zum einen geht es um das Gedenken an den Verstorbenen selbst: Ethan war aufgefordert worden, einen Nachruf auf Dov zu schreiben, was er jedoch abgelehnt hat. Als nun von Rudi Klausinger, einem ihm zunächst unbekannten Wissenschaftler, später sein vermeintlicher Halbbruder, ein Nachruf erscheint, der ihn verärgert, da er wesentliche Aspekt der Lebens- und vor allem Leidensgeschichte Dov Zedeks verschweigt, beispielsweise statt von der Flucht und Verfolgung in der NS-Zeit beschönigend von Emigration spricht (vgl. Andernorts, S. 22), antwortet Ethan mit einer harschen Kritik. Es entspannt sich daraufhin eine Kontroverse, bei der die Vorwürfe des Ressentiments und des Antisemitismus fallen.

Zum anderen wird das Thema des Erinnerns als das Gedenken an den Massenmord und die Grausamkeiten der NS-Zeit verhandelt. Die Diskussion hierüber entzündet sich vor allem an der Frage, ob es sinnvoll ist, mit der Generation der Nachgeborenen an die Gedenkstätten und Orte des Schreckens zu fahren, um die Erinnerungen daran zu bewahren. Während der verstorbene Dov Jugendreisen nach Auschwitz-Birkenau organisierte und begleitete, äußerte sich Ethan in einem Artikel in einer hebräischen Zeitung kritisch darüber: „Birkenau sei kein Jugendlager und die Schornsteine der Verbrennungsöfen eigneten sich nicht für Lagerfeuerromantik.“ (Andernorts, S. 23) Er verweist damit auf die Gefahr der Verkitschung des Gedenkens an die Vernichtung, auf die Rabinovici auch in seinem Vortrag Wie es war und wie es gewesen sein wird aufmerksam macht:

Der historische Tatort wird zuweilen zur bloßen Location. Dabei geht es nicht nur um die Darstellung der Vergangenheit, sondern vielmehr um die Fetischisierung des Grauens in der Geschichte und der Gegenwart. Die Untat wird zum Clip. Das Attentat zum Event. Die Folter zum Foto. Die Enthauptung zum Video, und wer zusieht, wie die Täter ans Werk gehen, sieht damit zu, daß sie ans Werk gehen. (Wie es war, S. 11)

Hier stellt sich die Frage, ob dies eine angemessene Form des Gedenkens ist, die einerseits die immer gleichen Bilder der Vernichtung wiederholt, so dass die Ereignisse auf diese Bilder reduziert werden, und die andererseits durch die stete Wiederholung der Bilder bis zu einem gewissen Grad auch die Ereignisse selbst wiederholt.

Im Roman Andernorts hören wir eine Gegenstimme zu dieser Auffassung; Dov Zedek rechtfertigt auf einer Tonbandaufnahme die Jugendreisen:

Du hattest nicht recht mit deinem Artikel vor fünf Jahren. Du warst gegen die Schülerexkursionen nach Auschwitz. Ich war dort. Zigtausend Jugendliche, nicht bloß aus Israel, sondern aus Europa, aus den Vereinigten Schtetln von Amerika, religiöse, linke, rechte, unpolitische … Im Zentrum die Überlebenden. Manche erbleichen jedes Jahr, wenn sie durchs Tor gehen. Andere leben auf, sobald sie einander und sich an diesem Ort wiederfinden. Besuche ich sie in Tel Aviv, Los Angeles oder Buenos Aires, wirken sie verloren, voller Angst, sie könnten eines Tages in den Baracken erwachen, aber kaum sind sie drinnen, im Lager, ist es, als wären sie befreit, zu Hause. (Andernorts, S. 47f.)

Im Zentrum des Erinnerns stehen die Überlebenden, von denen Dov selbst einer ist. Sie sind die Opfer und Zeugen, die das Unrecht am eigenen Leib erfahren haben, und so werden sie zu Gedenkveranstaltungen gebeten, um an die Grausamkeiten des Nationalsozialismus zu erinnern. Diese Rolle übernimmt Dov, wenn er Jugendreisen organisiert und an Gedenkstätten Ansprachen hält, in denen er fordert, „die Erinnerung zu bewahren“ (Andernorts, S. 53): „Sie laden mich ein, damit ich den Überlebenden spiele.“ (Ebd., S. 63) „Ich erzähle. Es war einmal, da lebten viele Juden, und wenn sie nicht gestorben sind, so wurden sie umgebracht.“ (Ebd., S. 64)

Dov Zedek, der ursprünglich den sprechenden Namen Adolf Gerechter trug, überlebte, da er rechtzeitig von einem mit Hilfe des Judenrates in Wien organisierten angeblichen Transport nach Palästina, der in Wirklichkeit in die Lager und in den Tod gehen sollte, floh und unter falschem Namen ins Exil ging. Das Gerücht seines Todes erreichte die Familie, doch im Gegensatz zu dieser überlebte er die Shoah. Diese beiden Persönlichkeiten, das Opfer Adolf Gerechter und der Überlebende Dov Zedek, spiegeln das zwiespältige Verhältnis zu der Rolle, die er auf den Gedenkveranstaltungen spielt:

[E]s ist Adolf Gerechter, der nicht nein sagen kann, wenn ich zum Gedenken gebeten werde. […] Er ist stärker als ich, als Dov Zedek. Könnte ich, so würde ich Adolf Gerechter wieder umbringen, ehe er nichts von Dov Zedek übrigläßt. Mich ermorden, um mich zu retten, das wäre die Lösung. (Andernorts, S. 66)

Adolf Gerechter müsste also, wie es seine Bestimmung im Nazi-Wien war, nochmals sterben und diesmal so endgültig, dass auch Dov Zedek nicht weiterleben kann. Denn das Leid, das mit jeder Gedenkveranstaltung erneut heraufbeschworen wird, hört erst mit dem Tod auf. Aber was wird mit dem Gedenken an die Shoah, wenn keine Überlebenden mehr da sind, die daran erinnern? Dies ist eine zentrale Frage, die Rabinovici in seinen Texten erörtert, und die auch die Romanfigur Dov Zedek besorgt stellt: „Aber was, wenn wir nicht mehr sein werden? Wenn sie dann kommen, aus Dresden, Teheran und Tennessee, aus Wien oder Wilna, wird niemand von uns aufstehen, niemand mehr beglaubigen, was uns am eigenen Leib widerfuhr.“ (Andernorts, S. 51f.)

Wir leben heute in der Zeit, in der die letzten Überlebenden sterben und die Erinnerung an Auschwitz nur noch vermittelt ist. Auf die kritischen Tendenzen der Entwicklung des Erinnerns an die Zeit des Nationalsozialismus macht Rabinovici aufmerksam.

Zum einen nehme die Gefahr der Fetischisierung des Grauens und der Verkitschung im Sinne einer ‚Lagerfeuerromantik unterm Schornstein‘ zu: „War nach dem Krieg die Auseinandersetzung mit der sogenannten ‚Endlösung‘ gemieden worden, so scheint es zuweilen gar, als hätten Erzählungen über Auschwitz nun eine Renaissance, die sich an die Stelle der Dokumente, Erinnerungen und Überlebensberichte drängen will.“ (Wie es war, S. 9)

Fakten und Fiktion werden dabei zuweilen zu einer fragwürdigen Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse vermengt, wobei die Vernichtung selbst in den Hintergrund rückt und lediglich als groteske Kulisse dient, vor der sich die Handlungen abspielen. „Weshalb“, so fragt Rabinovici, „erlebt die Mischung, die Vermischung aus Fakten und Fiktion just dann eine Konjunktur, wenn die Überlebenden allmählich wegsterben?“ (Ebd., S. 10) Und er vermutet: „Vielleicht, weil sich nun die meisten der Opfer kaum mehr gegen einen solchen Abklatsch wehren können?“ (Ebd.)

Zum anderen besteht in der heutigen Zeit die Gefahr, dass sich Ressentiment und rechtes Gedankengut bis hin zur Auschwitz-Lüge verstärken:

Viele mögen nicht soweit gehen, kategorisch abzustreiten, daß es Gaskammern gab oder daß Juden ermordet wurden, doch sie möchten nur allzu gerne das Ausmaß und die Monstrosität des Massenmordes bezweifeln. Wenn die letzten jener gestorben sind, die der Vernichtung einst entrannen, muß damit gerechnet werden, daß die Sogkraft der neonazistischen Lügner, der Reiz zur Leugnung und Verharmlosung stärker werden. (Ein Aberglaube der Zukunft, S. 129)

„Es gibt keine endgültig richtige Art des Erinnerns an Auschwitz.“ (Der Spiegel der Finsternis, S. 100). Aber, so kann man wohl hinzufügen, mit Sicherheit gibt es eine falsche Art des Erinnerns, die Tatsachen verdreht, wichtige Details ausblendet oder Sachverhalte verkitscht und romantisiert. Was, wenn dann kein Überlebender mehr aufstehen und sagen kann: ‚So war es nicht!‘?

2. ‚Wie es gewesen sein wird‘ oder Die Rolle der Literatur für das Erinnern

Rabinovici ist sowohl Schriftsteller als auch Historiker. In seiner Dissertation Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945: Der Weg zum Judenrat (2000) untersucht er die jüdische Administration in Wien während der nationalsozialistischen Verfolgung. Er verzeichnet die jüdischen Funktionäre und bietet ihre Dokumente dar, um so „eine eindeutige Entgegnung für jene“ zu schreiben, „die zwischen Opfern und Tätern nicht unterscheiden wollen. Ihre Thesen mußte ich so sachlich wie möglich widerlegen.“ (Wie es war, S. 5) In seinen literarischen Texten geht es Rabinovici nicht um eine geschichtswissenschaftliche Perspektive, sondern um eine Erkenntnis über die Fakten hinaus.

„So hat es zu sein“, verkündet die Politik. „So war es“, mag die Geschichte behaupten, die Literatur sagt bloß: „So wird es wohl gewesen sein.“ Wie es gewesen sein wird, das ist es, was mich antreibt. Das literarische Schreiben vermag zur Sprache zu bringen, was noch ungesagt ist, vermag dem Unsagbaren und dem Unerhörten ein Wort zu verleihen. (Wie es war, S. 15)

Die Geschichtswissenschaft bemüht sich darum, historische Ereignisse zu beschreiben und zu erklären. Aber können wir sie dadurch auch verstehen? Was sagt es uns, wie die Dinge damals gewesen sind, wenn wir das Leistungsvermögen der Mordmaschinerien in den Konzentrationslagern kennen? Das Leid der Opfer können wir dadurch sicherlich nicht nachempfinden. „Die Strukturen des Terrors nachzuzeichnen und von den Tötungskapazitäten einer Gaskammer zu sprechen, bedeutet im Sinne der Schergen zu sprechen.“ (Wie es war, S. 6) Denn die Geschichte benutzt unweigerlich das „Vokabular des Verbrechens“ (ebd., S. 5), spricht z.B. von ‚Deportation‘, ‚Umsiedlung‘ und ‚Sonderbehandlung‘ – Begriffe der Nazis, die die dahinter stehenden Absichten und Taten, die gewaltsame Verschleppung und den Mord, verschleiern und beschönigen. „Die Möglichkeiten narrativer Literatur“ sieht Rabinovici dagegen „nicht eingeschränkt, sondern eher umgelenkt, vielleicht sogar erweitert.“ (Ebd., S. 12) Sie kann ein Nachempfinden der Ereignisse der Vernichtung zumindest wahrscheinlicher machen, indem sie die Perspektive der Opfer einnimmt und versucht zu erzählen, was nicht erzählt werden kann. Da sie nicht vorgibt, wahr zu sein, kann Literatur – im Gegensatz zur um rationale Distanz bemühten Geschichte – auf Gefühl und Subjektivität setzen. „Sie kann sich eben deshalb einer Wahrheit annähern, die alle Wirklichkeit übertrifft, ohne sie zu verraten.“ (Ebd., S. 6f.)

In Rabinovicis Romanen erhalten die Opfer eine Stimme, und diese ist jeweils subjektiv. So reagieren z.B. die Eltern Ethans in Andernorts unterschiedlich auf österreichische Zeitgenossen, die aufgrund ihres Alters den Nationalsozialismus miterlebt haben mussten. Wenn der Vater an einer Kreuzung für einen älteren Herrn bremste, forderte die Mutter:

„Überfahr ihn. Er ist alt genug. Schau ihn dir an. So haben sie doch ausgesehen. Überfahr ihn“, und sein Vater, dem Lager entronnen, der die ganze Familie verloren hatte, lachte nur, lachte den Fußgänger an, wies ihm mit offener Hand den Weg und sagte: „Das nächste Mal, Liebste, das nächste Mal.“ (Andernorts, S. 37)

Welches die ‚richtige‘ Art des Umgangs mit der Vergangenheit ist, wird nicht aufgelöst. Vielmehr wird ein Spektrum an Möglichkeiten aufgezeigt, die jeweils ihre eigene Berechtigung haben und die es zu bedenken gilt, ohne vielleicht eine eindeutige Antwort zu finden. „Der Historiker kann Antworten geben“, so erläutert Rabinovici im Interview mit dem ORF: „Der Schriftstellerkann die Fragen, die vielleicht unbeantwortbar sind, umso deutlicher stellen.“

Literatur kann – und das zeigen Rabinovicis Texte – Techniken einsetzen, die der Wissenschaft versagt sind. Sie kann verschiedene Perspektiven einnehmen, Möglichkeiten ausloten, sich selbst widersprechen, ironisch und zynisch sein.

Sie versucht zuweilen dem Entsetzen mit Humor zu begegnen, und zwar nicht um es durch brüllendes Gelächter zu übertönen, sondern, im Gegenteil, damit das Lachen einem im Halse stecken bleibe. Der Witz dient der Erkenntnis, wenn er uns das Denken nicht erspart, aber erleichtert, wenn er sich nicht über die Opfer lächerlich macht, sondern uns mit ihnen fühlen hilft. (Wie es war, S. 13)

Durch ihren produktiven Umgang mit der Sprache kann Literatur Kritik an derselben leisten, indem sie Wörter, die zu bloßen Formeln geworden sind, so dass die Bedeutung dahinter verschwindet, wieder erfahrbar macht. Eine solche Sprachkritik führt uns Rabinovici (in Canettis Übriggebliebene) am Begriff des ‚Überlebenden‘ vor. In der Regel meinen wir mit ‚Überlebender‘ jemanden, der der Vernichtung entkam, der trotz seiner Bestimmung, im Dritten Reich zu sterben, dieses überlebte. Die Frage, warum sie selbst überlebten, während Millionen andere an ihrer statt ohne Sinn ermordet wurden, und das Gefühl der ‚Überlebensschuld‘ plagt viele der Opfer, deren Tod ebenso beschlossen war (vgl. Canettis Übriggebliebene, S. 110). Im Roman Suche nach M. hat der polnische Jude Jakob Scheinowiz einen Doppelgänger, den Buchdrucker Adam Kruzki, mit dem er immer wieder verwechselt wird und dem er ungewollt sein Überleben verdankt. Der Buchdrucker Kruzki wurde umgebracht. Jakob Scheinowitz erzählt seinem Freund von dieser Schuld:

Es war im Ghetto – eine der erste Aktionen; sie spürten uns mit Hunden auf, stellten uns mit Spitzeln nach, trieben jene, die sie auffanden, zusammen. Was erzähle ich dir das. Du weißt… Aber auch ich wurde entdeckt, wurde auf den Platz gejagt, stand dort im Gedränge, da trat ein SS-Mann auf mich zu. Er sagte: ‚Sie sind doch der Buchdrucker. Sie brauchen wir noch.‘ Er wies mich aus der Gruppe. […] Ich wurde an seiner Statt geschont, gerettet. Verstehst du, Leon? Mein ganzes Überleben war eine Verwechslung. (Suche nach M., S. 100f.)

Die Opfer der Nazis, die das Dritte Reich überlebten, blieben auch nach dem Krieg Opfer. Zwar waren sie der physischen Vernichtung entkommen, aber die Schmach und die Erniedrigungen, die sie erfahren hatten, wurden dadurch nicht ausgelöscht. Rabinovici macht darauf aufmerksam, dass der Zusammenhang zwischen dem Gefühl der ‚Überlebensschuld‘ und den „Anschauungen, die nach 1945 vorherrschten“ (Canettis Übriggebliebene, S. 110), allzu oft übersehen wird: „Die Erretteten wurden in ihren Selbstvorwürfen bestärkt. Sie wurden mit Argwohn betrachtet. Sie schienen mit Schmutz behaftet und konnten sich gegen die Anwürfe kaum wehren, da sie durch das Verbrechen erniedrigt und befleckt worden waren. Sie schämten sich ihres Leids.“ (Ebd.)

Zu dem Gefühl der Scham gesellten sich die den Opfern von der Gesellschaft nach wie vor entgegengebrachte Verachtung und das Misstrauen darüber, wie sie hatten überleben können. In Andernorts erzählt Felix Rosen über die Situation seines Freundes Dov Zedek kurz nach Kriegsende:

Damals war es noch kein Verdienst gewesen, ein Opfer, ein Überlebender zu sei. Die Schmach der Verfolgung haftete an ihm. Er stank nach Angst und Tod. Die Leute wollten nicht hören, wie es ihm ergangen war. Keiner wollte wissen, wie er den Mördern entronnen war. Niemand wagte zu fragen, wieso er nicht umgebracht und verbrannt worden war, aber er fühlte, daß er unter Verdacht stand, allein weil er noch existierte. (Andernorts, S. 107)

Diese Empfindungen sind mit dem positiv konnotierten Wort ‚Überlebende‘ kaum verknüpft, weshalb es sich nur bedingt eignet, um die Opfer zu bezeichnen, die der Vernichtung im Dritten Reich entkamen. Rabinovici will den ‚Überlebenden‘ diese Bezeichnung nicht vorenthalten, doch er fordert: „die Grenzen dieses Wortes auszuloten, denn es täuscht über das Schicksal jener hinweg, die den Massenmord überstanden.“ (Canettis Übriggebliebene, S. 120)

Einen solchen kritischen Umgang findet er bei Elias Canetti in Masse und Macht. Canetti bezieht den Begriff hier nämlich gerade nicht auf die Position des Unterlegenen, des zum Tode Bestimmten, der dem Morden nur zufällig entrinnt. Er verknüpft ihn im Gegenteil mit der Position der Macht, des Starken, der den Mord aus Kalkül und mit Passion verübt.

Wenn Elias Canetti von Überlebenden sprach, so meinte er damit nicht diejenigen, die den Lagern entronnen waren. Im Gegenteil, er schreibt: „Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht. Der Schrecken über den Anblick des Todes löst sich in Befriedigung auf, denn man ist nicht selbst der Tote. Dieser liegt, der Überlebende steht.“ (Canettis Übriggebliebene, S. 117f.)

Somit bekommt der Begriff eine ganz andere Bedeutung, die auch im Wort selbst angelegt ist: Ein in diesem Sinne ‚Überlebender‘ ist demnach ein ‚Über-Mensch‘, der über den Lebenden und vor allem den Toten steht, deren Tod er selbst herbeigeführt hat und auf deren Ermordung er stolz ist. Im Sinne Canettis sind die nationalsozialistischen Verbrecher und Mörder, die auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend straffrei davon kamen, die wahren Überlebenden. Die ‚überlebenden‘ Opfer jedoch sind vielmehr ‚Übriggebliebene‘, „dazu verurteilt, sich selbst zu überleben“ (Canettis Übriggebliebene, S. 120f.; Hervorhebung von mir). So konstatiert die Romanfigur Dov Zedek: „Ich bin ein Übriggebliebener, der nicht nur die Eltern, den Bruder und die Schwester samt Schwager, die Neffen und Nichten, die Tanten und Onkel überlebte, nicht nur die Mörder und ihre Verbrechen, nein, mich selbst überlebte ich.“ (Andernorts, S. 58)

„Wir nennen sie Überlebende“, so schreibt Rabinovici, „doch der Begriff täuscht uns vielleicht über die Wahrheit hinweg, verschleiert die wirklichen Verhältnisse ihres Weiterlebens.“ (Canettis Übriggebliebene, S. 117) Denn ungesagt bleibt damit was in dem mehr negativ konnotierten Wort ‚Übriggebliebene‘ mit anklingt: Die Idee des ‚Überbleibsels‘, des ‚Rests‘. Sie, die ‚Überlebenden‘, hatten sterben sollen, sind jedoch durch Zufall noch einmal mit dem Leben davon gekommen. So äußert die Romanfigur des Rabbiners Berkowitsch im Gespräch mit Ethan in einem kurzen Moment des Erinnerns: „Wir sind alle Überlebende, Herr Professor. Keiner hätte übrigbleiben sollen.“ (Andernorts, S. 170)

3. Wider die Eindeutigkeit oder Andernorts ist manches anders

Literatur kann mehrstimmig sein und Sachverhalte diskutieren, ohne eindeutig festschreiben zu wollen. Sie kann produktiv verunsichern, indem sie Wahrheiten aufbaut, um diese wieder zu dekonstruieren, und in beiden Aktionen Recht behalten. Indem sie die Erwartungen des Lesers unerfüllt lässt, kann sie für Unstimmigkeiten und Brüche sensibilisieren. Rabinovici interessiert sich besonders für das ‚Gebrochene‘, das in seinen literarischen Texten immer wieder aufscheint. In Andernorts geschieht dies vor allem auf humorvolle Weise, wobei der Humor nicht in erster Linie der Unterhaltung dient, sondern der Erkenntnis. Er bemerkt dazu im Interview mit dem ORF: „Für mich ist Humor immer nur interessant, wenn er einen klüger macht.“

Die Brechungen werden besonders deutlich anhand der Figuren, deren Identität nicht eindeutig ist, die ihr Äußeres und vor allem auch ihre Meinungen ändern, je nachdem, wo sie sich befinden. Der Titel ist Programm, denn am anderen Ort gelten jeweils andere Gesetze, die Figuren verhalten sich anders, haben andere Gefühle oder Auffassungen. Kurz: Das Nicht-Hier wird zum Ort, an dem das Gegenteil wahr sein kann. Der Flug von Tel Aviv nach Wien, mit dem der Roman beginnt, zeigt dies sehr eindrücklich und humorvoll. Hier ist Ethan Identitätsverwirrungen ausgesetzt; so meint seine Sitznachbarin zur Linken, eine ältere und von imaginären Krankheiten geplagte Dame, ihn aus früheren Zeiten zu kennen: „Er sei doch der kleine Dani, so habe sie ihn früher gerufen, als Bub“ (Andernorts, S. 16). Sein rechter Sitznachbar, ein Israeli, der von seiner Firma nach Wien geschickt wird und nun unter der Angst leidet, ein Abwanderer zu sein, macht sein Verhalten Ethan gegenüber von dessen Herkunft abhängig. Er fragt besorgt, ob Ethan sich noch als Israeli empfinde. Der in Tel Aviv geborene, jedoch in Wien und anderswo aufgewachsene Ethan wehrt sich gegen eine Identitätszuschreibung nach der Herkunft, gerät jedoch immer wieder in Situationen, in denen er sich für sie und die Wahl seines Wohnorts rechtfertigen muss. Daher stellt er sich später, als er neben einer unbekannten Frau zu sitzen kommt, kurzerhand als Johann Rossauer vor, der kein Wort Hebräisch spreche und zum Tauchurlaub in Israel gewesen sei. Sie führen eine angeregte Unterhaltung, bei der Ethan, „überzeugend die Rolle des ahnungslosen Österreichers“ (Ebd., S. 24) spielend, erfährt, dass die Frau, Noa Levy, wie er selbst eine gebürtige Israelin ist, die in Wien lebt. Ihr Gespräch baut sich von vornherein auf einem Missverständnis auf: Zwar wird der „Flirt“ durch Ethans Lüge zu einer „Auseinandersetzung jenseits aller Vorurteile. Jedes Schielen ins Dekolleté ein Dialog der Kulturen. Jeder Blick in die Augen ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung“, aber „mit jedem weiteren Satz vergrößerte sich der Abstand zwischen dem, der er war, und dem, der er zu sein vorgab.“ (Ebd.)

In dem Zwischenraum des Fluges von einem Ort zum anderen vollziehen sich auch äußere Veränderungen. Nicht nur, dass Personen, die eben in Tel Aviv noch eine Kippa getragen haben, diese nun abnehmen. Ethan beobachtet im Toilettenspiegel sogar Verwandlungen wie eine blassere Gesichts- und dunklere Haarfarbe, die, wie er meint,: „nicht nur mit dem Neonlicht zu tun haben [konnten], das alle Farben in dem kleinen Waschraum löschte.“ (Andernorts, S. 21) Tatsächlich erkennen ihn auch seine Sitznachbarn nicht wieder, als er zu seinem Sitz zurückkehrt, und verweigern ihm den Platz. Zu allem Überfluss spricht ihn die Stewardess, die ihm seine bei Noa vergessene Uhr nachbringt, mit dem Namen Rossauer an, und nun sind die Mitreisenden endgültig vom Irrtum überzeugt: „‚Rossauer? You are right. That is not our neighbour‘“ (Ebd., S. 25)

Ethan fühlt sich am stärksten als Israeli, wenn er im Ausland ist, in Israel jedoch mehr als Ausländer. „‚Nirgendwo fühle ich mich fremder als hier‘“, bemerkt er zu einer Kollegin an der Universität in Tel Aviv, worauf sie entgegnet: „‚Wen wundert’s, Ethan. Heimat ist, wo einem fremder zumute ist als an jedem anderen Ort.‘“ ( Andernorts, S. 247) Dieser Satz kann als symptomatisch für die Entwicklung von Gesellschaften in modernen Industriestaaten gelten, wo Migration, Globalisierung und mehrfach kodierte Identitäten die Mythen von der ‚Heimat‘ und der eindeutigen Identität aufbrechen. Auch Wien ist – wenngleich „nicht gerade der Inbegriff von weiter Welt und Offenheit“ (ebd., S. 55), wie Ethan bemerkt – dennoch eine multikulturelle Stadt, in der sich die Entwicklung einer modernen Gesellschaft vollzieht.

Wenn die Eltern nach Wien flogen, wurden Pita, Falafel, Humus, Techina, Salzgurken, Nüsse, hebräische Literatur und israelische Zeitschriften eingepackt. Mittlerweile konnte Ethan in Wien bei orientalischen Verkäufern zwischen irakischem, türkischem, georgischem und libanesischem Fladenbrot wählen. (Andernorts, S. 77)

Ethan bewegt sich mühelos zwischen diesen Städten, spricht beide Sprachen akzentfrei, und bleibt doch an beiden Orten irgendwie fremd. „Kulturbrüche“ sind „sein Metier“ (Andernorts, S. 42). Die Nähe des in Wien lebenden Autors Rabinovici zu seiner Romanfigur unterstreicht eine Passage aus dem Aufsatz Wohin mit Österreich? (2000), in der er über seine eigene Identität schreibt:

Da gehe ich als nationaler Doppler, als hochprozentiges Gemisch durch die Straßen und fühle mich so eigen und ganz fremd. Einig sind sich meine beiden bloß darin, daß sie in einer schizoiden Situation leben. In einer Welt, die mit der Eindeutigkeit ethnischer Zugehörigkeit populistische Erfolge feiert, summt in mir das Stimmengewirr verschiedener Identitäten. Auch horche ich dem, was gesagt wird, in mehreren Klangwelten zu. Ich lebe im Widerhall vieler Kulturen. (Wohin mit Österreich?, S. 54f.)

Eine mehrfach kodierte Identität scheint nochmals besondere Anforderungen zu stellen, wenn sie ein Jüdisch-Sein beinhaltet. Im Roman Andernorts müssen sich gebürtige Israelis, die in der Diaspora leben, in erhöhtem Maße für ihre Wahl des Wohnorts rechtfertigen. „Warum“, so fragt Noa ihre Familie gereizt, „konnten sich die Juden hier nicht endlich in eine Nation wie jede andere verwandeln? Mußte sich denn ein Finne, ein Italiener, ein Türke rechtfertigen, wenn er beschloß, in Wien zu leben?“ (Andernorts, S. 97)

Ein Ortswechsel hat Auswirkungen auf die Gefühle und Einstellungen der Figuren. Dies reflektiert Ethan teilweise selbst. Während er sich auf dem Rückflug nach Wien über einen Rabbiner ärgert, „einen Wiederkäuer der Schrift, der ihn mit seinen Schläfenlocken, dem wolligen Haar und dem langen Bart an ein Schaf erinnerte“ (Andernorts, S. 14), ist er sich gleichzeitig bewusst, dass er den Rabbi, neben dem er auf dem Hinflug saß, viel wohlwollender betrachtet hatte:

Damals hatte er auf das jüdische Original geschaut, […] bereit, ihn gegen jeden scheelen Blick zu verteidigen, jedem entgegenzutreten, der über den schwarzen Kaftan und den breitkrempigen Hut die Nase rümpfen würde. Jetzt, in der Gegenrichtung, von Ost nach West, bemerkte er den muffigen, süßlichen Geruch dieses Mannes […]. Nun war er es, der scheel auf den Betenden blickte, der beobachtete, wie er sich die speckigen Lederriemen um die Linke und um den Kopf band. (Andernorts, S. 14f.)

Unterschiedliche Auffassungen machen sich auch in Bezug auf die Frage nach dem Gedenken an Auschwitz bemerkbar, die den Roman hindurch erörtert wird. Im Flugzeug liest Ethan Rudi Klausingers Nachruf auf Dov und erkennt darin sein eigenes Zitat nicht wieder, in dem er sich kritisch über die Jugendreisen nach Auschwitz äußerte. Ja, er wettert sogar in einer schriftlichen Antwort dagegen: „Im Geburtsland des Führers […] kämen einem die Ausführungen irgendeines ungenannt bleibenden Israeli gerade recht, wenn es darum gehe, heimatliche Selbstvergessenheit zu beschönigen.“ (Andernorts, S. 29) In der Kontroverse, die sich daraufhin zwischen ihm und Klausinger entspinnt, wird ihm – nicht zu unrecht – vorgeworfen, er „vertrete in dem einen Land eine andere Meinung als im zweiten.“ (Ebd., S. 34) Ethan selbst ist irritiert: „Was er in Wien sagte, mußte in Tel Aviv falsch klingen und umgekehrt. Nichts schien mehr stimmig“ (ebd., S. 37); dennoch steht er nach wie vor zu beiden Aussagen und sieht in ihnen „eigentlich gar keinen Widerspruch“ (ebd., S. 32).

Ethans Zwiespalt zeigt, wie sehr Meinungen von Kontexten abhängig sind. Was an dem einen Ort richtig erscheint, kann am anderen Ort als falsch angesehen werden. Diese Beobachtung bekräftigt Rabinovici auch in seinem Aufsatz Wohin mit Österreich?:

Bei manchen Worten kann es in mir keine Einigkeit geben. Wer etwa ist ein Neonazi? In Tel-Aviv, so weiß mein innerer Orientale, könnte als Neonazi bereits durchgehen, wer bloß salonfähig macht, was im Dritten Reich geschah und etwa die Beschäftigungspolitik lobt, die letztlich zu Auschwitz führte, und wer bei einer nostalgischen Gedenkveranstaltung der Waffen-SS eine Jubelrede hält. In Österreich meint man damit einen skurrilen Wiedergänger, dessen Rechte allzeit erigieren will, der ‚Sieg Heil‘ brüllt, sich in Trachten der Vergangenheit hüllt. (Wohin mit Österreich?, S. 54)

Die Betrachtung eines Begriffs oder Phänomens in einem anderen Kontext hilft aber auch, die Auffassung im eigenen Kontext kritisch zu überdenken. So heißt es weiter im Zitat: „So einer [ein ‚Sieg Heil‘ brüllender Wiedergänger; T.S.] ist ein kriminelles Wesen, das all jene nationalsozialistischen Verbrechen gutheißt, von denen es andererseits behauptet, sie hätten nie stattgefunden. Kurz und gut; Josef Goebbels wäre nicht so blöd, heute Neonazi zu sein.“ (Ebd., S. 54)

Im Roman treibt Ethan diese Verunsicherung von Auffassungen durch die Übertragung in andere Kontexte auf die Spitze, indem er – gegen Ende des Buches – seine Kritik an den Jugendreisen nach Auschwitz in einem Vortrag in Los Angeles wiederholt, den er zu allem Überfluss noch von seinem Widersacher Rudi Klausinger verlesen lässt, da er selbst nicht zur Konferenz anreist:

[Rudi] überflog den Text, wendete die Blätter hin und her, und – kein Zweifel – er erkannte den Inhalt wieder. Es war der Artikel, aus dem er in seinem Nachruf auf Dov zitiert hatte. Ethan hatte seine provokanten Thesen in Israel geschrieben, in Österreich dagegen protestiert, als Rudi sie aufgriff, und ließ sie jetzt in den USA von ihm wiederholen. […] Er überflog die Sätze, und alles, was da stand, kam ihm falsch vor. […] In diesem Museum in Los Angeles konnten Ethans Theorien nur verrückt wirken. Sie riefen hier nicht dieselben Assoziationen hervor wie in Israel oder Österreich. (Andernorts, S. 203)

Professor Marker, Ethans Vorgesetzter an der Universität Wien, würde vermutlich auch hier begeistert anmerken: „Das ist wahre Wissenschaft. Das ist Dekonstruktion.“ (Andernorts, S. 67) Rudi jedenfalls teilt diese Auffassung nicht. Nach der Konferenz fliegt er zurück nach Israel zur Familie Rosen, wo sich nun auf einem Höhepunkt des Romans die Frage nach den Familienbanden endgültig auflöst: Nicht nur ist Felix Rosen nicht der Vater von Rudi Klausinger. Er ist unfruchtbar und somit ist auch Ethan nicht sein leiblicher Sohn, sondern der vom verstorbenen Dov Zedek. Dov wollte nach Auschwitz keine neue Familie gründen; Felix wollte und konnte nicht. So haben sie sich gemeinsam zu dieser unkonventionellen Lösung entschlossen. „Was war, um Gottes Willen, so schlimm daran? Ist Felix nicht der Vater dieser Familie?“, rechtfertigt Mutter Dina ihr Verhalten und ihre Motive und fragt herausfordernd: „Gibt es nur eine Wahrheit?“ (Andernorts, S. 223)

Schlussbemerkung

Der Roman Andernorts lässt uns einerseits erheitert, andererseits nachdenklich zurück. Meines Erachtens ist dies eine Stärke des Buches, dass es zugleich unterhaltend ist und ein wichtiges aktuelles Thema ernsthaft verhandelt: die Frage danach, wie wir heute der Grausamkeiten des Nationalsozialismus gedenken und wie wir dazu Stellung beziehen. Denn gerade heute, wo die letzten Überlebenden sterben und gleichzeitig die Stimmen derer lauter werden, „die nichts mehr hören wollen von den Juden und ihrem Leid, die murren, es möge endlich Schluß sein“ (Andernorts, S. 74), gilt es, dem Vergessen(-Wollen) entgegen zu steuern. Literatur bietet eine Möglichkeit, die Erinnerung zu bewahren, uns Nachgeborenen von den Verbrechen der Geschichte aus einer anderen als der sachlichen Perspektive der Geschichtswissenschaft zu erzählen und uns dadurch das verursachte Leid – wenigstens ansatzweise – nachempfinden zu lassen.

Verwendete Literatur

Rabinovici, Doron: Andernorts. Roman. Berlin 2012

– Suche nach M. Frankfurt/M. 1999

Der Spiegel der Finsternis. Schattenspiele oder Die richtige Art des Erinnerns. In: Credo und Credit. Einmischungen. Frankfurt/M. 2001, S. 96-104

Canettis Übriggebliebene. Instanzen der Ohnmacht. In: Doron Rabinovici: Credo und Credit. Einmischungen. Frankfurt/M. 2001, S. 105-121

Ein Aberglaube der Zukunft. Oder Gedanken zur Leugnung der Vergangenheit. In: Credo und Credit. Einmischungen. Frankfurt/M. 2001, S. 122-129

Wohin mit Österreich? Oder: Zwischen Tracht und Niedertracht. Gedanken zu einer neuen Koalition. In: Isolde Charim, Doron Rabinovici (Hg.): Österreich. Berichte aus Quarantanien. Frankfurt/ Main 2000, S. 46-58

Wie es war und wie es gewesen sein wird. Eine Fortschreibung von Geschichte und Literatur nach der Shoah (15 Druckseiten); http://www.rabinovici.at/texte_wieeswar.html (19.11.12)

Rabinovici im Interview mit Gerald Heidegger vom 14.11.2010, ORF.at; http://news.orf.at/stories/2024879/2024743/ (19.11.12)