29. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur (auf Zoom)
オーストリア現代文学ゼミナール

12. und 13. Dezember 2020
Mit Daniel Wisser
Entwicklung durch innere Dunkelheit: der Roman Fremde Seele, dunkler Wald von Reinhard Kaiser-Mühlecker
Shihoko Ora

Von Ingeborg Bachmann, die ebenso wie Reinhard Kaiser-Mühlecker vom Land kommt und bäuerliche Vorfahren hat, sind folgende Worte überliefert: „Als der Krieg zu Ende war, ging ich fort […] und kam voll Ungeduld und Erwartung nach Wien, das unerreichbar in meiner Vorstellung gewesen war. […] Und wenn ich später auch nach Paris, London und Deutschland gekommen bin, so besagt das wenig, denn in meiner Erinnerung wird der Weg aus dem Tal nach Wien immer der längste bleiben.“ Bachmann meinte damit, dass man für seine geistig-seelische Entwicklung nicht unbedingt die Bühne der großen weiten Welt braucht.
Reinhard Kaiser-Mühlecker schlägt mit seinem Roman Fremde Seele, dunkler Wald (2016) in dieselbe Kerbe. Die Protagonisten, die Brüder Alexander und Jakob Fischer, ringen um die innere wie äußere Befreiung vom dörflichen Milieu. Die Situation der Bauernsöhne sowie diejenige des Adels in Turgenjews Roman Ein Adelsnest (1859), von dem das Motto sowie der daraus abgeleitete Titel Fremde Seele, dunkler Wald stammen, ist eine der Ausweglosigkeit und Verlorenheit. Schuld daran sind dramatische soziale Umbrüche. Ebenso umfassend ist der Einfluss der heutigen Globalisierung auf das Leben der Dorfbewohner in Oberösterreich. In meinem Vortrag will ich untersuchen, wie der existenzielle Kampf von Söhnen aus dem kleinbürgerlichen Milieu für eine bessere Zukunft dargestellt wird. Kaiser-Mühlecker arbeitet u. a. mit den Mitteln der akribischen Landschaftsbeschreibung, des inneren Monologs und der erlebten Rede. Seine Figuren sind Verwzeifelte, verlorene Seelen, die ihr Heil ebenso beim vom „Korpsgeist“ (S. 82) bestimmten Militär suchen wie bei Sekten oder – Ultima Ratio – im Selbstmord. Fremde Seele, dunkler Wald ist kein eigentlicher Entwicklungsroman, in dem sich die Helden nach vielen Prüfungen geläutert und auf einer höheren Stufe wieder finden, sondern der Roman einer Entwicklung, die für die Überlebenden damit endet, dass sie ihre Balance irgendwie wieder erlangen und alles weitergeht wie bisher: Die Gefahr scheint gebannt, die Überlebenden sind gezeichnet.

Reinhard Kaiser-Mühlecker
Foto: ©Jürgen Bauer
Freitag, 10. November 2017
18:30Abendessen
20:30Ländliche Liminalität. Anmerkungen zum Werk von Reinhard Kaiser-MühleckerClaus Telge
21:00Erste LesungReinhard Kaiser-Mühlecker
Samstag, 11. November 2017
09:30Berührungen. Körperlichkeit im Werk von Reinhard Kaiser-MühleckerKyoko Tokunaga
10:15Zweite LesungReinhard Kaiser-Mühlecker
10:45Pause
11:00Zeichnungen. Reinhard Kaiser Mühleckers Erzählungen (Einführung in das Seminarbuch)Walter Vogl
12:00Mittagessen
15:00Unerklärbare Kräfte. Eine psychoanalytische Lektüre von Reinhard Kaiser Mühleckers Erzählung SpurenNoriaki Watanabe
15:45Echte Bauern Filmvorführung
16:45WerkstattgesprächReinhard Kaiser-Mühlecker, Claus Telge
18:00Dritte LesungReinhard Kaiser-Mühlecker
18:30Abendessen
20:00We Feed the World Filmvorführung
Sonntag, 12. November 2017
09:30Entwicklung durch innere Dunkelheit: der Roman Fremde Seele, dunkler Wald von Reinhard Kaiser-MühleckerShihoko Ora
10:15Neue Anti-Heimatliteratur? Zum Fortgehen aus der ‚Heimat’ in Fremde Seele, dunkler WaldKeisuke Kato
11:00Pause
11:15Vierte LesungReinhard Kaiser-Mühlecker
11:45Abschlussdiskussion